Introvertiert, nicht Menschenfeindlich

Ein Unterschied. Ein Artikel.

Ich mag keine Menschenmassen. Sie rauben mir Energie. 5 Stunden bei einem „gemütlichen Abendessen unter 10 guten Freunden“ bedeuten für mich Stress. Eine Stunde beobachte ich die Szenerie. In der zweiten Stunde belächel ich die mittlerweile durch Trunkenheit beeinflussten Aussagen. Ab Stunde drei beginne ich mit den Füßen zu wippen, meine gespaltenen Haarspitzen abzuzupfen und will nur mehr weg. Nein. Es gilt noch 2 Stunden auszuhalten. Das ist der Deal. War der Deal. Ich flüchte mich in mein Telefon und bin die empathielose B*tch.

Ich hasse Small-Talk. Wenn ich jemanden den ich flüchtig kenne auf der Straße sehe, so zücke ich mein Telefon und wirke beschäftigt. Ich spreche was in meine Kopfhörer und wirke beschäftigt. Wenn man mich darauf anspricht, dann lüge ich und sage, dass ich mir Gesichter schlecht merken kann. Eine wahre Lüge. Ich merke mir beinahe jedes Gesicht. Ich beobachte und analysiere meine Umwelt bis ins Detail. Aber ich hasse Small-Talk und empfinde ihn als Zeitraubend und ermüdend. Das heißt aber nicht, dass ich die Person nicht mag. Ich mag mich nur jetzt im Moment nicht kurzfristig unterhalten. Bei einem gemütlichen Dialog mit Zeit sähe es wohl etwas anders aus.

Ich liebe lange Gespräche und kann mich stundenlang bei einem netten Nachtspaziergang mit einer Person unterhalten. Diese Person kann ich seit Jahren kennen oder eben erst kennen gelernt haben. Das Gefühl, die Sympathie und der Moment entscheiden. Ich hasse Cafes und Bars. Man wird gezwungen an einem Ort zu bleiben und sich gegenseitig anzustarren. Meist ist es laut und ungemütlich. Draußen ist die Schweige-Minute nicht peinlich, sie dient als Möglichkeit zur Reflexion. In einem Lokal schon. Man starrt sich an. Starrt aufs Glas. Lacht kurz und sagt: „Ja, ja. So ist das.“ Ich hasse sowas. Man stellt sich unmittelbar die Frage: Warum? Das ist wohl die a-soziale Seite.

Wenn mich wer auf der Straße anspricht oder ich einen Termin habe, so lächel ich, antworte und flüchte danach. Mittlerweile haben sich unter meinen Armen Schweißflecken gebildet und ich wurde sicher ein-zwei mal Rot. Oh, süß, is se wohl schüchtern? Nein. Ich fühle mich in Gegenwart fremder Menschen unwohl; sie überfordern mich. Und mein absoluter Albtraum sind Vorträge. Das Gute: Der physische Abstand. Die 20 Augenpaare die mich anstarren, vielleicht noch mit einem „WTF“ in ihrem Blick produzieren erneut Schweißflecken, stammeln, verreden, verhaspeln und eine schlechte Darbietung des Vortrages sind das Resultat. Je weniger Menschen, desto ruhiger bin ich. Das ist wohl die ängstliche Seite. Zuviele Menschen deren Fokus auf mir liegt, verunsichern mich. Der Dialog ist kein Problem.

„Das kommt mit der Übung“ sagt man zu mir. Nein. Tut es nicht. Ich werde mich immer unwohl unter Massen fühlen. Ich werde bei einem Konzert immer am Rand oder ganz vorne stehen. Ich werde in einem Hörsaal oder Seminarraum immer der Tür am nächsten sitzen oder bestenfalls in der hintersten Reihe. Ich werde immer Menschengruppen meiden und froh sein, wenn sich niemand für mich interessiert.

Eine Freundin beklagte ähnliche Situation. Sie flüchtete aus einem Kurs um die Mittagspause nicht mit ihren Kolleginnen verbringen zu müssen. „Was ist falsch mit mir?“ fragte sie mich und ich sagte: „Nichts. Mir ginge es genau gleich.“ Ist ein Kurs zu Ende, habe ich meist meine Sachen gepackt und eile hinaus. Erneut: Small-Talk.

„Du bist ein Menschenfeind!“ Bekomme ich oftmals zu hören, weil ich es vorziehe am Abend vorm PC zu sitzen anstatt mich in einer überteuerten Bar zu besaufen. Sicherlich witzle ich darüber, dass es der Überbevölkerung wegen wohl Zeit für eine neue Seuche wäre, aber das nennt man dann wohl Zynik, Sarkasmus oder schwarzen Humor. Ich bin kein Menschenfeind, ich ziehe nur den Kontakt zu einigen, wenigen speziellen Menschen vor. Ich ziehe den Kontakt zu Menschen vor, bei denen meine Aussagen keine Rechtfertigung verlangen. Aber das ist wohl die seltsame/individuelle Seite.

Advertisements

2 Kommentare

Eingeordnet unter Just about Life, So sei es

2 Antworten zu “Introvertiert, nicht Menschenfeindlich

  1. Pingback: Diese Woche #106-16 | it's just curiosity!

  2. Markus Raymond

    So lese ich das und würde dich am liebsten umarmen dafür weil wir wie Zwillingen sein könnten vom oben erwähnten Verhalten her…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s