„Outlander“, Season 1 und 2

Die gute Nachricht: Season 3 ist gerade JETZT in Produktion.
Die schlechte Nachricht: Der Sendetermin ist bis dato noch unbekannt.
Aber: Es gibt 8 Bücher!

Ich glaube das Review ist sogut wie Spoiler-frei.

Während das Tech-Magazin Wired die Serie lobt und auch das Netz sich dem Lob anschließt, so frägt man nach Sicht der ersten Episode: „Ja, warum denn eigentlich?“ Und polemisierend möchte man hinzufügen: „Verklärte Groschen-Roman Romantik, deren Szenerie zwischen Highlander und Game of Thrones angesiedelt ist, mit etwas Torture-Porn unterfüttert.“ Mark me, diese Einstellung wird sich noch ändern.

Kaum nieder gesessen, gerät man in eine harte und patriarchale, von Männern dominierte Welt nachdem die Protagonistin, Claire, ihre Hände auf heidnische Steine gelegt hatte. Von 1945 nach 1743. 200 Jahre in die Vergangenheit. Zeitreisen!

Schon in der ersten Folge erfährt man, dass ihre Lebenslinie „getrennt“ sei und Sex eigentlich das einzige ist, was sie mit ihrem Mann Frank Randall, einem Historiker, noch verbindet. Zu Claires Unglück wird sie beim Eintreffen in die Vergangenheit von dessen Vorfahr, Jonathan ‚Black Jack‘ Randall (gleicher Schauspieler), fast vergewaltigt, bevor bärtige Schotten ihr zu Hilfe eilen. Zur Sicherheit, sie könne ein englischer Spion sein, wird sie mitgenommen und die Geschichte beginnt.

Die Serie entstammt der Buchvorlage der amerikanischen Autorin Diana Gabaldon, deren erster Band 1995 publiziert wurde. Laut Frock Flicks, der wohl besten Anlaufstelle für Akkurarität was historische Kostüme in Film und TV angeht, solle die Serie recht nah der Buchvorlage folgen und sich, gemäß den Geschichten im Buch, angemessen Zeit lassen. Einzig wird der eingebüßte Sarkasmus Claires bedauert, der in den Büchern viel deutlicher zu tragen käme, sowie das Fehlen des „dicken Hinterns“ – laut diversen Foren.

Neben dem schottischen Dialekt, erfolgen auch viele Gespräche ohne Untertitel auf Gälisch und man fühlt sich etwas verloren. Gälisch wird heute von ca. 1% der schottischen Bevölkerung noch gesprochen, besonders aktiv auf den äußeren Hebriden (die kleine längliche Inselgruppe im Norden). Man erfährt, neben britischer wie schottischer Geschichte auch alltägliche Dinge – von der Toilette – Claire rechtfertigt ihren BH damit, dass er aus Frankreich stamme – bis hin zur normalen (oft gewaltvollen) Handhabung gegenüber Frauen und Kindern sowie den schottischen Alltag, der aus saufen, raufen und Clan-Mentalität besteht.

Und dann gibt es Momente, bei denen man sich immer wieder aufs neue denkt: „Nein, das werden sie jetzt aber nicht machen…“ – Doch. Sie machen es. Und lassen nichts aus. Während Wechselbälger zum sterben in den Wald gebracht werden und andere aus Not verhungern, werden Frauen vergewaltigt oder von ihren Männern mit dem Gürtel gezüchtigt, wenn diese der Meinung sind, die Frau tat Unrecht. Hexenverbrennungen sind noch immer Gang und Gäbe. Es fließen Blut wie Gedärme, richtige Fleischfetzen hängen den ausgepeitschten Personen vom Rücken, sodass man sich wundert, ob die Narben am Rücken nicht schlimmer aussähen müssten? Und ja, es gibt viel Sex – zumindest in den ersten Folgen, es mäßigt sich dann. Dieser wirkt jedoch selten deplatziert, noch bleibt der Eindruck, dass er lediglich zur Effekthascherei dienen soll. Es sind emotionale Bilder auf die sich der Seher einlassen muss, die in mitten karger, schottischer Landschaft und mystischer Ästhetik eingebettet werden.

Und wenn Claire, die aus dem 20. Jahrhundert kommt, die barbarischen Zustände nicht wahrhaben möchte und sich dagegen weigert und fast einen Krieg auslöst, so zieht sich ihre sture Haltung ebenso durch die Geschichte wie ihr Idealismus. Teilweise greift man sich verzweifelt an den Kopf und frägt sich: „Warum? Das war doch offensichtlich, dass es schief gehen wird.“ Aber es sei der Story wegen gerechtfertigt. Und für diese nimmt man sich ausreichend Zeit sie zu erzählen ohne Langatmig zu werden.

Beim genaueren Hinblick mag man auch den einen oder anderen feministischen Aspekt erkennen – wenn man davon ausgeht, dass Feminismus die „Befreiung aus patriarchalen Strukturen“ bedeutet. Denn so ist es der Mann, der jungfräulich in die Ehe geht und bei ihrer Rückkehr Tränen vergießt und Weiche zeigt, Verständnis und Vertrauen, in einer Welt wo Stärke und Härte regieren. Und dann sind es die Frauen, die selbstständig handeln, reiten und schießen, sich gegen Männer wehren und deren Geschichten aus ihrer Sicht erzählt werden.

Interessant ist auch der Aspekt wie Zeitreisen thematisiert werden. Je nach dem, von welchem Standpunkt aus man die Geschichte betrachtet: So passiert alles, weil sie handeln (daher: weil es eben passieren muss), oder eben, es passiert wenig, obwohl sie ständig handeln. Outlander vermittelt den Eindruck des letzteren: Der einzelne allein kann wenig ausrichten, besonders wenn man eine Frau ist. Weiß man zu viel oder verhält sich anders als wie die Norm gelegt ist, besteht die Gefahr verdächtigt und mit Jubel der Meute in den Kerker geworfen zu werden. Man könnte sagen: „Töte Hitler“ – aber komm erst in seine Nähe ohne negativ aufzufallen. Und selbst wenn man an der Quelle sitzt, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass die Zukunft einfach zu ändern ist.

Das Zeitreiseelement wird bisher sehr sanft durch die historische Realität relativiert und es entsteht der Eindruck als habe man oft in diversen Filmen der Auswirkung des Einzelnen zu viel Raum gegeben. Sicherlich, der Mensch stellt sich und seine Handlungen gern in den Mittelpunkt und ja, ich kenne das Prinzip des Butterfly-Effects. Outlander entkräftet diese Vorstellung jedoch.

Fazit: Die Slow-Motion-Kaminfeuer-Sex-Szenen zu Beginn mögen zwar abschreckend wirken, aber die Geschichte dahinter verdient doch einen genaueren Blick. Jedoch seid gewarnt und erinnert euch an meine Worte: Sie lassen wahrlich nichts aus.

Bemerkung: Man könnte natürlich über einiges diskutieren. Alles was ich ausließ und Erwähnung finden sollte, findet sich in einem Überblick auf TheGuardian und 172 Gedanken, die ein Mann hatte, während der die Serie sah. Des weiteren lesenswert:

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