Der Sadismus der Strumpfhose

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Ein jeder kennt es: Es zwickt, es beißt, es kratzt, zwängt an den Schenkeln und schnürt den Bauch ein. Zu guter Letzt rutscht die Naht immer unter die Zehen und verursacht ein ständig piesackendes Gefühl. Trotzdem ist sie eine Notwendigkeit: Die Strumpfhose.

Es herrscht Herbst, bald Winter, und wenn man sich nicht acht Stunden mit enger Jeans Krampfadern züchten möchte, so bleibt nur mehr Rock oder Kleid mit passender Strumpfhose übrig, vielleicht mit Kniestrümpfen darüber. Zuerst noch dünner, später dicker. Letztere sind, meiner Meinung nach, sogar wärmer als eine Jeans.

Im Moment steckt das Ende meines Kleides aufgeknäult im Bund der Strumpfhose um den Druck zu lindern, die schwarze Strickjacke wohl bedeckend darüber gelegt. Man hadert fast jeden Tag damit und verflucht die Kälte, die es notwendig macht sich wie eine Raupe einhüllen zu müssen. Immer wieder beginnt die Strumpfhose zu jucken oder zu kratzen, und dass obwohl man sie nur einmal anzieht und anständig wäscht.

Zumindest bleibt mir das Reiben unter den Zehen diesmal erspart. Ich muss zu einer anderen Marke gegriffen haben, denn die Nähte sind oben, anstatt am Zehenrand und somit können sie sich nicht unter meine Zehen fressen und mich voller Häme quälen.

Ich glaube Strumpfhosen haben (auch) einen bestimmten Hang zum Suizid. Wenn sie nicht gerade hauchdünn sind, ist die Neigung zum Selbstmord eher geringer. Nur hin und wieder findet sich ein Loch und oftmals erst dann, wenn man sie öfters getragen hat. Eine normale Abnutzungserscheinung also. Manche wurden zu guten Freunden und blieben einem auch länger erhalten und man trennt sich nur ungern, wenn sich dann doch ein Loch am Zehen eingeschlichen hat. Leidend macht man die Zehennägel dafür verantwortlich und schneidet sie sofort so kurz, dass sie später im Schuhwerk schmerzen. Man schweift ab und erinnert sich an all die Abenteuer die man zusammen erlebte: Die gefährliche Stadt, die aufregende Busfahrten, das trockene Büro, das wohlige Zuhause, die unbändige Natur! Gerade, dass der letzte Strauch über den man hüpfte, sie nicht zerkratzte.

Bei dünnen Seidenstrumpfhosen jedoch scheint es, als wollen sie sich noch vor dem ersten Gebrauch in die Tiefen des Mülleimers stürzen und jungfräulich mit Laufmaschen und Löchern sterben. Warum frage ich mich. Was macht deren Leben so schrecklich? Sind es die dicken Beine? Die schlanken Beine? Die haarigen Beine? Die stoppeligen Beine? Die von der Creme noch klebrigen Beine? Hegen sie einfach eine gewisse Aggression gegen Haut? Gibt es einen Gott, dem sie sich opfern möchten? Schämen sie sich vielleicht, weil sie glauben ihrer ursprünglichen Aufgabe als warmer Strumpfhose nicht gerecht zu werden? Sind sie doch die Hübschesten und doch so fragil.

Ich komme fast zur Annahme: Sie hassen uns Menschen. Sie hassen es gedehnt und gezerrt zu werden und rächen sich mit schnüren, zwicken und beißen. Vielleicht mögen sie den Geruch von Käse nicht und Schweißfüße allgemein sind ihnen zuwider, und wer kann es ihnen verübeln? Die dicken Bäuche, die schlank gemacht werden wollen, der Hintern, der gestrafft werden soll.

Oder aber sie sind von Haus aus sadistisch und haben Freude daran, Unbehagen zu verursachen. Vielleicht sind sie sogar etwas neidisch? Während das Kleid sich galant und bequem an den Körper schmiegt und sagen will: Behalte mich für immer! Sitzt die Strumpfhose daneben und schneidet ohne Reue ins Bauchfett. Sie lacht dabei. Man zerrt am Bund und hofft auf Lockerung, aber sie schneidet nur noch tiefer ein. Man stülpt sie um und leidet erneut. Sie beißt den Schenkel oder lässt sich erst gar nicht anziehen und sträubt sich in allen erdenklichen Formen.

Vielleicht aber sind sie nur eitel geworden, weil der Mensch sie einst aus Eleganz trug und trägt, die schönen Engen, die selbst dem klumpigsten Pferdefuß ein wohl geformtes Bein verleihen. Sie sprechen sich Recht zu, unangenehm und zwickig sein zu dürfen, immerhin tragen sie die Belastung des ständigen Reizes wie der Bewegung, und müssen dennoch galant und edel aussehen. Muss das Material leiden, so auch dessen Träger.

Vielleicht ist es aber auch nur ihre Aufgabe uns Menschen daran zu erinnern, dass das Leben nicht angenehm ist und sein soll und der tägliche Gang bereits ein Mühsal seiner selbst ist. Vielleicht mache ich mir aber auch nur zuviele Gedanken und habe einfach die falsche Sorte erwischt. Wer weiß das schon.

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4 Kommentare

Eingeordnet unter Just about Life, So sei es

4 Antworten zu “Der Sadismus der Strumpfhose

  1. Pingback: [Experiment] Hosenlos Part 2 – Die Strumpfhose – Leuchttürme und Schattenplätze

  2. Trage gerade ein solches Biest und verstehe deinen Schmerz. Schöner Text, der absolut seine Berechtigung hat. Man kann sich nicht zu viele Gedanken machen…

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