Reality-TV?

„Alles Wirkliche wird phantomhaft, alles Fiktive wirklich“ – Günter Anders über das Fernsehen

Sibirische Hunger Games

pp-winter-game-2„Winter: Game 2“ nennt sich die geplante Reality-TV-Show, die ab 1. Juli 2017 24/4 die Medien interessierten könnte. 30 Teilnehmer, entweder via Online Voting auserkoren oder durch 155 000€ in die Show gekauft, sollen 9 Monate auf 900 Hektar ums blanke Überleben kämpfen. Um eine Idee zu haben wie groß 900 Hektar sind: Die selbe Größe hat die griechische Insel Schinoussa mit ihren ca. 200 Einwohnern in der südlichen Ägäis. Der Gewinn in „Winter: Game 2“ beträgt 1,65 Millionen Euro. Auch wenn mit Mord, Vergewaltigung, Rauchen und Alkohol geworben werden, wird von vornherein klar gemacht, dass die Macher keine Haftung übernehmen und die Teilnehmer sich jedoch an das Gesetz der russischen Föderation halten sollten, was von Polizisten kontrolliert wird.

Auf das Überleben vorbereitet werden die Teilnehmer durch Soldaten. Im Juli beträgt die Tagestemperatur noch 22°, in der Nacht 10°, kann jedoch während den Wintermonaten ganz schnell unter -40° sinken. Ein Messer ist erlaubt, Pistolen nicht. Der Erfinder Pyatkovsky weiß auch schon, wer sich von diesem Konzept angesprochen fühlen wird: „Reiche und risikofreudige Leute, die die ultimative Herausforderung suchen.“

Satire?

Willkommen in der absurden Welt des Reality-TV!

Reality-TV ist uns bestens bekannt aus den The Hunger Games (2012), Battle Royale (2000), The Truman Show (1998), Running Man (1987) aber auch aus banaleren Formaten, die die meisten von uns nur vom Hören-Sagen kennen.

Die Anfänge liegen in den US-amerikanischen 1940er begraben. Die Sendung Candid Camera filmte die Reaktion von Passanten auf Witze. In den 1950ern kletterten zahlreiche Spiel- und Wettbewerbshows aus den finsteren Höhlen des Markes (Miss America), bis in den 1970ern in An American Family eine Familie während der Scheidung von Kameras begleitet wurde. Ende der 1980er wurden Formate erfunden, die noch heute die Reality-Show Landschaft prägen. Auf dem europäischen Festland etablierte sich das Format ab den 1990ern. Voyeurismus und Überlegenheitsgefühl lockt zig Tausende, nach wie vor, vor den Bildschirm.

Den Anfang machte die schwedische TV-Show Nummer 28, die sieben Fremde in ein Studentenheim in Amsterdam setzte und deren Leben über Monate hinweg verfolgte. Noch ohne jeglichen Wettbewerbsaspekt und ohne von der Außenwelt abgeschottet zu sein, standen jedem Teilnehmer 20 Minuten pro Woche zu, die Erlebnisse während des Aufenthaltes zu reflektieren. 1992 griff MTV’s The Real World das Konzept auf und erlangte mit Big Brother 1999 seinen wahnwitzigen Höhepunkt.

Und man frägt sich: Wer sieht sich sowas an? Und warum? Neugier? Schaulust und Schadenfreude? Langeweile? Oder weil es sich zum einfachen Abschalten anbietet? Überlegenheitsgefühle wie „Denen gehts noch schlechter wie mir“? Während man früher Enthauptungen beiwohnte oder dem Gladiator zujubelte, sind es heute wohl die inszenierten Klischees des Reality-TVs.

Folgend wird eine Realität konstruiert, die keine Realität ist, aber als solche wahrgenommen und reflektiert wird. Man frägt sich, welche Auswirkungen diese Formate auf die Gesellschaft haben? Und wenn man weiter gehen möchte, lässt sich dieses Prinzip ganz einfach auf die Film- und TV Landschaft ausweiten, bei welcher man zwar weiß, dass es nur Film, somit lediglich eine Geschichte ist, diese aber dennoch Flächendeckend den Zuschauer beeinflusst und formt. Man geht davon aus, je häufiger und intensiver, desto einprägsamer. Aber gehen wir noch einen Schritt zurück: Wenn zu Anbeginn der Literatur der Liebesroman mit (idealistischen) Romanzen befüllt wurde, so entsprach auch das nicht der Realität, wollte jedoch als Realität praktiziert werden. Das gelebte und gewollte Sein gründet auf Schein während der Schein aus der Wunschvorstellung einiger weniger entsprang.

Meta-Reality-TV

DieZEIT sagte im Bezug auf die TV-Serie Unreal, die von der Produktion einer fiktiven Reality-TV handelt, angelehnt an The Bachelor: „Die Serie handelt von der Produktion einer Serie, die ihrerseits so tut, als würde sie Realität abbilden, während sie in Wahrheit diese Realität erst herstellt. Das ist das Betriebsgeheimnis jeder Reality-TV-Sendung; aber indem es in dem Rahmen einer fiktiven Serie enttarnt wird, wird auch diese Enttarnung schon wieder fiktiv. Was ist überhaupt noch wirklich?“ Die Produzentin der Serie Sarah Gertrud Shapiro, Feministin und selbst lange Zeit einst durch Knebelvertrag verpflichtet worden The Bachelor zu produzieren, weiß was sie produziert und wovon sie erzählt. Nacht Sicht einiger Folgen bleibt zu hoffen, dass ein Drittel erfunden und das zweite überspitzt dargestellt wurde. Anzunehmen ist jedoch, dass das letzte Drittel (womöglich auch mehr) vermutlich wirklich auf realen Ereignissen beruht. Der Serie liegt der Kurzfilm Sequin Raze zugrunde.

Scripted Reality

Ausgehend von dieser Fragestellung, wirft man einen kritischen Blick in Richtung Scripted Reality, wie Jan Böhmermann diese bereits scharf und polemisch kritisiert hatte. Es stellt sich die weitere Frage, was es mit der Realität der Rezipienten anstellt, wenn eine Realität vorgespielt, die aber als Wirklichkeit gesehen wird? Vielleicht gar nichts, wenn das Verfahren seit Jahrhunderten nach den gleichen Mustern abläuft. Vielleicht aber gerade durch die Vernetzbarkeit des Internets und der Allgegenwärtigen Verfügbarkeit, doch mehr als wir erahnen wollen oder gar können? Ich enthalte mich derweil einem Urteil. Man könnte die Diskussion über Realität und Wirklichkeit auch via Fakenews und Pornographie weiter führen. In beiden Kriterien werden Dinge als real dargestellt, die nicht der Realität entsprechen, wobei ersteres einem gewissen Ziel folgt, den Konsumenten zu manipulieren, während zweiteres zur Unterhaltung dient.

Und doch leidet das Format ein Personalproblem: Immer weniger Menschen sind bereit, sich für Formate wie Bauer sucht Frau oder Frauentausch oder Entmülle deine Wohnung und so weiter, herzugeben. Zwar präsentiert man sich im Internet freizügig und ohne Scham, doch die Gesellschaft scheint etwas klüger geworden zu sein, und zu verstehen, dass vor allem auch die Postproduktion eine große Rolle bei Verfälschung spielt. Folgend werden sich Geschichten ausgedacht und mit Laiendarstellern gefilmt. Am Ende eine kurze Notiz: Alles nur erfunden.

Gleichsam bei der Fotografie, die ebenfalls seit Anbeginn unter Manipulation leidet. Soldaten im ersten Weltkrieg stellten sich in heroische Posen und zeigten eine glorreiche Welt von Sieg und Heldentum. Bildausschnitte werden zurecht gerückt, Gegenstände und Figuren entfernt. Der Rest ist Mediengeschichte, weist aber eine unberechenbare Konstruktion der Wirklichkeit hin. So wie Reality-TV, um den Kreis zu schließen.

Und die Rezipienten?

Durch eine Einverständniserklärung sichern sich Sender ab. Problematischer aber vielleicht als der rechtliche Einspruch, ist der Einfluss der den Zuschauern suggeriert: „Auch DU kannst zum Star werden!“ und diese oftmals übersehen, dass sie lediglich Produkt in einer großen Maschinerie sind – und somit nicht anders behandelt werden. Es wird verdeutlicht, dass man ohne eine gewisse Leistung, Erfolg haben kann – wenn Erfolg sich über Popularität misst und nicht mehr über klassische Kriterien wie berufliche, wissenschaftliche, sportliche oder kulturelle Leistungen definiert. Der Erfolg des Konzeptes geht einher mit einer Veränderung der Wahrnehmung aller Beteiligten, seien es Zuschauer, Produzenten oder Mitwirkende. Sucht man nach Erfahrungsberichte, stößt man auf das eine oder andere zerstörte Leben.

Epilog

Zu guter Letzt möchte ich auf ein Beispiel aus den 1950ern hinweisen: Herbert Stempel. Ein intelligenter Mann, der das Pech hatte bei einer Quizsendung Twenty One mit zu machen. Nach Komplikationen und Umwegen, veröffentlichte 1958 das „Journal American“ seine Geschichte, die erzählte, dass die Gewinner bereits vor der Show feststanden und die Fragen mit den Kandidaten geübt wurden.

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