„Star Trek: The Next Generation“ S01E03 und S01E04

Inhalt der Kritik: Die Darstellung von Aliens

Episode 3

Gleich zu Beginn der dritten Folge, stellten wir (Madame (8) und ich) uns die Frage: Ist es rassistisch, wenn die in traditionell-afrikanisch anmutenden Gewänder tragenden (von Afroamerikanern/Afrikanern dargestellten) Aliens, Frauenfeindlich sind? Bezieht man das heutige Verständnis und den Blick für die Problematik mit ein: Vermutlich! Und das aufgreifen einer Tatsache, dass viele Frauen in afrikanischen Gegenden wenig Rechte haben beziehungsweise viel Gewalt erfahren und dies in einer Sendung zu thematisieren? Ha! Got ya! Und wäre es rassistisch, wenn man gerade aus aktueller Sensibilität zur Problematik, auf diese Darstellung verzichtet hätte? Es wäre sensibel und eine Reaktion auf bestehenden Rassismus gewesen, so Madame (8).

Und die nächste Frage: Warum wählte man ausgerechnet Schwarze und steckte sie in traditionell-afrikanisch anmutende Gewänder? Weil in den 80ern die Problematik (vermutlich) anders lag: Erinnert man sich noch an die AIDS-Kampagnen, die afrikanische Kinder mit großen Augen zeigten – und gerade in dieser Episode geht es darum, den Aliens einen Impfstoff zu Teil werden zu lassen. Die Problematik für Rassismus war offenbar medial noch nicht so greifbar, oder wurde anders bewertet. Wir kommen noch dazu.

Eventuelle weitere rassistische Tendenzen dieser Folge: die „schwarzen“ Aliens nahmen Impfstoff von „weißen“, beziehungsweise boten die „weißen“ den „schwarzen“ das Allheilmittel an.

Interessant auch, dass Cpt. Picard zwar den Kulturimperialismus im Bezug auf Werte anspricht, aber nicht auf die Technik? Folgend tauchte die Frage auf: Wird Technik als wertfrei im Star Trek Universum betrachtet? Die Menschheits-Geschichte wird einerseits von Technik-Euphorie, andererseits von Technik-Kritik begleitet. Q kreidete in der ersten Folge ja bereits die Primitivität der Menschen an.

Holger Götz, der einen Beitrag in Faszinierend! Star Trek und die Wissenschaften, Band 1 (2009) publizierte, bemerkt zur Thematik folgendes (S. 249-261) und bestätigt damit unsere Annahmen:

  • Im Kontakt mit Fremden wird oft nicht das Anderssein angesprochen, sondern das Gleichsein. Was zur Annahme anregt, dass jede intelligente Spezies, irgendwann eine Kultur hervorbringt (bringen muss), die den Menschen ähnelt
  • Die Kultur einer direkten Spezies wird direkt an deren genetischen Ausstattung rückgebunden: Die genetische Ausstattung einer Spezies ist die Grundlage ihrer Kultur. Mit in dieses Klischee fallen die Ferengi. „Die Hinterhältigkeit zeigt sich bereits in ihrer gebeugten Haltung […], und deren Aggressivität durch ihr Raubtiergebiss konnotiert wird.“
  • Zwar wird innerhalb der Serie immer wieder darauf verwiesen, dass man eine Spezies nicht nach ihrem Erscheinungsbild beurteilen soll, trotzdem bleibt das Äußere als „Marker des Charakters“ erhalten.
  • Auch interessant ist, dass jene Spezies, die den Menschen überlegen sind, weiß sind: Die Aldeaner („When the bough breaks“ S01E17) oder auch Q.
  • Auch die charakterliche Prägung, dass beispielsweise „alle“ Klingonen aggressiv und „alle“ Ferengi habgierig sind, deutet wieder auf eine genetische, als wie durch eine Kultur geprägte Veranlagung. Man wird im Folgenden vermehrt darauf achten. Ersichtlich wird das Beispiel an Lt. Worf, der von menschlichen Eltern aufgezogen wurde, aber trotzdem Züge zur klingonischen Kultur aufweist: Er spricht perfekt klingonisch, praktiziert die klingonische Religion und ist ein guter Nahkampfkämpfer. Götz merkt an, dass sich das Wie und  Warum nicht erklären lassen. Es wird damit begründet, dass er eben einer anderen Spezies angehört und sich zu dieser Kultur hingezogen fühlt, aber sich in beide, weder die menschliche, noch klingonische integrieren kann.

Götz fasst zusammen, dass TNG einen „deutlichen Kommentar zur Integration von Angehörigen anderer Kulturkreise in die dominante (Mittelschichts-) Kultur der US-amerikanishcen Gesellschaft ab [gibt].“ Und: „Damit bewegt sich TNG in einem neokonservativen biologistischen Diskurs, der der genetischen Veranlagung deutlich das Übergewicht für die Entwicklung der entscheidenden Wesensmerkmale eines Individuums zuweist und der kulturellen Prägung bestenfalls modifizierende Funktion zugesteht.“

Weil es gerade spannend ist, fahre ich fort:

  • Der offizielle Diskurs, der jeder intelligenten Spezies und ihrer Kultur die gleiche Wertigkeit zugesteht, hinkt im Narrativ etwas hinter her: Die Förderation steht an der Spitze, während die Individuen nur aufwärts-kompatibel sind. In Season 4 Episode 4, wenn wir es bis dahin schaffen, wird uns das Thema erneut begegnen.
  • Falls wir es nicht bis dahin schaffen, da uns der Tod ereilte oder die Welt einer Apokalypse zum Opfer fiel, hier eine kurze Ausführung: Das Menschenkind Jono wird von Talarianer aufgezogen und weist, nachdem er in einer Rettungsaktion an Bord genommen wurde, keine Affinität zu den Menschen auf. Somit zeigt sich, dass, was für alle anderen Spezies gilt, nicht auf den Mensch zutrifft: Die menschliche Kultur wird somit auf eine Stufe gehievt, die außerhalb dieser „genetischen Prädetermination“ liegt. Was heißt: Die symbolischen Handlungen der Menschen sind eine Kultur-Leistung. Somit wird unsere Kultur-Frage oben ansatzweise angerissen. Es ist anderen Wesen im Star Trek Universum schlicht und einfach nicht vergönnt via Kultur anders als genetisch bedingt, zu agieren – und das aus einem Herkunftsland, dass all seine Kultur aus Europa mitgebracht hatte. Ha!
  • An Jono wird nicht nur die Überlegenheit der menschlichen Kultur demonstriert, der menschlichen Rasse, sondern auch jene der menschlichen Gene: Während Worf zeigte, dass er sich aufgrund seiner Gene nie ganz in die menschliche Gesellschaft integrieren kann, ging Jono in der talarianischen Kultur auf. Mensch darf. Alien darf nicht. Aliens haben Integrations-Probleme. Menschen nicht. Nicht, dass uns das irgendwie bekannt vorkommt.

Zusammengefasst sagt Götz, dass TNG eine Abwärtskompatilbilität der Menschen konstruiert: Das Fremde kann sich nie vollständig in die menschliche Kultur integrieren, aber Angehörige der menschlichen Kultur haben keine Probleme sich in die Fremde zu integrieren. Mischlinge sind nur in der Lage, sich in eine „minderwertigere“ Kultur zu integrieren (Am Beispiel von K’Ehleyr) und bei Menschen wird deutlich Überlegenheit zelebriert (Riker in „A matter of honor“ S02E08) – aber dazu kommen wir noch.

Götz bemerkt, abschließend, dass TNG eine „kuriose Doppelstrategie“ anwendet. Einerseits, wird bei ethnisch abweichenden Menschen jede rassistische Thematik vermieden: Die Gesellschaft an Bord der Enterprise zeigt sich als Musterbeispiel einer „egalitären Homogenität“ – trotzdem sind diese noch unterpriviligiert. Zwar werden Homosexualität, Abtreibung und Sterbehilfe angesprochen, Rassismus aber vermieden. TOS selbst setzt sich in den 60ern deutlicher mit der Thematik auseinander, als TNG in den 80ern. Ich bin gespannt, wie STD (oder auch DIS/DSC?) dies im Jahr 2018 handhaben wird.  Im Gegensatz also Rassismus im Inneren der Gesellschaft zu thematisieren, überträgt TNG die Problematik auf Aliens. Eine andere Spezies ist aufgrund ihrer „genetischen Disposition“ nicht kompatibel mit der dominanten Kultur und vermittelt, dass bei einem Integrationsversuch zu „mental instabilen“ Persönlichkeiten führt.

Was nahmen wir aus der Folge noch mit, außer der eben angesprochenen Thematik? Yar’s „basic male interest“ und wir gingen davon aus, dass Völker, die entwickeltere Technologien benutzen, auch ein entwickelteres Verständnis für Gleichberechtigung haben müssten. Der Blick in die ferne und fiktive Zukunft verblendet, denn ein Blick auf die Gegenwart zeigt uns, dass dem nicht so ist.

Was wäre die Lösung für diese Episode gewesen? Die Heranziehung von grünen Aliens mit Tentakeln am Kopf? Zusammengefasst kann gesagt werden: Vor dem Hintergrund eines Science-Fiction Universums war die Idee wenig überlegt (oder gerade, nach dem Text zu urteilen, sehr überlegt) – oder gerade mit Absicht gewählt den Blick darauf zu lenken und Diskussion zu schaffen (eher nicht – oder schon?). Wir diskutieren immerhin.

Next!

Episode 4

Gegen Ende der Sicht der vierten Folge, als fauchende Ferenigs hinter Riker hin und her hüpfen, während dieser aufrecht stehend philosophiert, kommt das zu tragen, was ich oben so lange ausführte: Nicht wie in der ersten Folge und heute Kanon, sind es übermächtige, uns all überlegende Wesen, sondern dumme, primitive Tiere. Der Mensch damals fühlte sich überlegen und mächtig, heute regiert Furcht und Angst. Überlegene Aliens können nur durch eine Reihe glücklicher Zufälle ins All katapultiert werden oder mit menschlichen Emotionen zur Gesinnung gebracht werden: Nicht alle Menschen sind so!

Ebenfalls ist es unlogisch, dass die Crew der Enterprise einen Planeten findet, aber gleichzeitig überrascht ist. Ist es nicht deren Ziel und Aufgabe nach fremden Welten zu suchen? Madame (8) fragte mich zwischendurch: „Warum haben wir das damals weiter geschaut? Weil es im TV lief und wir nicht mehr Sender hatten?“ Oder weil die Enterprise hübsch war? Weil wir Raumschiffe mochten? Und Abenteuer?

Man muss leider sagen, dass die Ferengis wirklich als seltendämliche, primitive und sexistische Rasse eingeführt werden – was einem als Kind null auffällt. Null. Nada. Sie fauchen und schleichen in Fellen herum.

Was blieb hängen bei Folge Vier: Die dezente sexuelle Anspannung zwischen dem Captain und Dr. Crusher. Die eindeutige TOS-Kulisse und Rikers rechtes Auge.

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Eingeordnet unter Kritik und Rezension, Science-Fiction, TV-Shows!

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