Ein Text über die Höflichkeit, oder so

 Hö̱f·lich·keit, Substantiv [die]
1. das Höflich sein
„jemanden mit besonderer Höflichkeit begrüßen“
2. Kompliment.
„Zu Beginn wurden nur Höflichkeiten ausgetauscht.“

Und Wikipedia teilt mir mit: „Die Höflichkeit oder Zivilisiertheit ist eine Tugend, deren Folge eine rücksichtsvolle Verhaltensweise ist, die den Respekt vor dem Gegenüber zum Ausdruck bringen soll. Ihr Gegenteil ist die Grobheit oder Barbarei. Sozial gehört sie zu den Sitten, soziologisch zu den sozialen Normen. Das Wort hat sich aus dem Begriff „höfisch“ entwickelt, das die Lebensart am frühneuzeitlichen Hof bezeichnete.“

Und je nach Kultur, Zeit, Region und Erziehung bedeutet „Höflichkeit“ immer etwas anderes. Es gilt also, sich die sozialen und sittlichen Normen anderer Völker und Länder, die Do and Don’ts einzuprägen und auf ein gutes Miteinander zu hoffen. Aber bleiben wir im Westen. Bleiben wir im deutschsprachigen Raum. Und bleiben wir am Land.

Und bitte versteht mich nicht falsch, ein höfliches und freundliches Verhalten wird von aller- und Jedermann geschätzt und erleichtert die geflogene Konversation ganz allgemein. Man sagt „Bitte“ und „Danke“ und bringt eben jene wohlwollende Attribute zum Ausdruck, seien sie mit ernst gesprochen oder einfach nur verbal hingeworfen, hier: Friss sie. Man begegnet einander mit Respekt und Demut, auch wenn sich dahinter Zorn und Wut verbergen. Respekt und Demut, Ruhe und Frieden.

Und doch hat sich in so mancher Götterländer die Sitte, der, ja ich möchte meinen, die Form einer „übertriebenen“ Höflichkeit eingebürgert. Wie das? Kann man denn übertrieben höflich sein? Und warum unter Apostroph? Höflichkeit ist doch immer gut? Was meint sie jetzt?

Lasst mich anhand zweier Beispiele veranschaulichen, was mir auf der Seele kriecht; das räudige Biest, sitz!

Beispiel 1: Etwas weniger geeignet, aber ok:

A: „Darf ich ein Stück vom Kuchen haben?“
B: „Aber freilich! Hier bitte!“
A: „Darf ich noch ein Stück vom Kuchen haben?“
B: „Aber natürlich, Nimm! Schmecken solls.“
– Und der Kuchen schmeckt mir immer noch.
A: „Darf ich vielleicht noch ein Stück haben?“
– Gut, in meinem Falle soll das spindeldürre Mädel doch essen.
B: „Aber freilich!“
A: „Darf ich noch eines haben?“
– Verdammt, der Kuchen ist so richtig, richtig gut! Und so geht es weiter.

Frage an die Leserschaft? Ist es unhöflich von A den gesamten Kuchen alleine zu verspeisen? Hierzu fehlen uns folgende Angaben: Wieviel Kuchen gibt es und wieviele Leute wollen noch ein Stück Kuchen. Im äußersten Fall könnte man mir Gier und im besten höchstes Lob an den Bäcker, die Bäckerin attestieren.

Beispiel 2: Etwas deutlicher:

Es sitzt eine Familie am Tisch: Mutter, Vater, zwei Kinder und Ich. Die Mutter hat Kuchen gebacken. Jeder bekommt ein Stück. Gegen Ende liegen nur mehr drei Stück Kuchen am Tisch:

A: „Darf ich noch ein Stück haben?“
– Die Mutter ist hoch erfreut und reicht mir ein gutes Stück Kuchen. Der Vater schnappt sich das nächste und grinst zufrieden. Nachdem ich den Anfang gemacht und den Bann des Schweigens gebrochen hatte, konnte er ohne Probleme und ohne unter den Verdacht zu fallen, gierig zu sein, zugreifen.
– Ich blicke auf das letzte Stück. Der Kuchen war wirklich verdammt gut. Marzipan mit Kokos und feinster Füllung. Ich starre das Kuchenstück an. Dann überwinde ich mich. Aber wie beginnt man in solch einer Situation?
A (1): „Möchte dieses Stück Kuchen noch jemand?“
– Ich biete es an, bringe aber gleichzeitig durch meine Frage zum Ausdruck, dass ich es möchte/gerne hätte.
A (2): „Darf ich das letzte Kuchenstück haben?“
– Ganz schlecht. Ganz, ganz schlecht. Niemand, dem höfliche Manieren beigebracht wurden, kann jetzt noch sagen: „Nein, das geht nicht, weil..“. Nein. Damit bringe ich nämlich die Leute in eine missliche Lage, sie müssen mir quasi das letzte Stück überlassen, denn es gelte wohl als unhöflich, mir das dritte Teil zu verweigern, schließlich bin ich Gast. Wir gehen also mit Option 1.
– Die Runde schweigt, die Mutter sagt:
B: „Bitte gern, Nimm ruhig.“
A: „Wirklich?“
B: „Ja, wenn es dir geschmeckt hat, dann nimm es.“ (3)
A: „Wirklich, ich möchte es nur, wenn es sonst niemand mehr mag.“
– Was eine glatte Lüge ist, ich würde töten für dieses saftige und perfekte Kuchenstück.
B: „Ja nimm!“ Und vielleicht folgt noch: „Es freut mich, dass es dir schmeckt“
– Die Blicke am Tisch ignoriert man. Welche Blicke? Es gibt nur mich und das letzte Kuchenstück. Saftig und Füllig.
A: „Ist es wirklich in Ordnung?“
B: „Natürlich!“
– Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, an dem ich es mir nehme, nach 3 – wenn nicht sogar 4 – 5x nachfragen. Ich nehme es und esse es. Ich bin zufrieden, gesättigt und bedanke mich zig Tausend mal. Alsbald A und C das Haus verlassen..

C: „Spinnst du komplett? Was ist mit dir bitte falsch?!“ Werde ich angeschrien.
A: „Warum?“
C: „Du hattest schon zwei, und nahmst dir einfach das dritte?“
A: „Ich habe extra mehrmals gefragt?“
C: „Es war sehr unhöflich von dir zu fragen, du hattest schon zwei. Du hättest nicht fragen dürfen!“
A: „Warum? Niemand wollte es mehr.“
C: „Vielleicht wollte es meine Mutter?“
A: „Warum hat sie es dann nicht gegessen?“
C: „Weil sie höflich ist, im Gegensatz zu dir!“
A: „Dann hätte sie das sagen können!“
C: „Nein, sie ist höflich. Sowas tut man nicht!“
A: „Wtf?“
– Person C ist sehr verärgert und spricht den ganzen Abend nicht mehr mit Person A, mit mir.

Nach einer wahren Begebenheit.

Der aufmerksame Beobachter wird Option 3 bemerkt haben. Um diesem Missgeschick aus dem Weg zu gehen, greife ich beim ersten Nachfragen zu und stelle provokant die Frage: „Das war doch nicht unhöflich, oder?“ Womit ich allerdings diejenigen Personen wieder in die Richtung einer einzig, möglichen Antwort dränge, aber ihnen den Diskurs anbiete – und mein Tun rechtfertigen kann, wenn notwendig. Ich meine es ist Kuchen! Guter Kuchen! Marzipan-Kokos-Kuchen mit cremiger Füllung..

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Just about Life

2 Antworten zu “Ein Text über die Höflichkeit, oder so

  1. :-D Bei Kuchen werden keine Kompromisse gemacht! Das ist Krieg. Und bei der Torte hört der Spaß erst recht auf!

    • Ohja, Torte! Wenn man nicht schon von Anfang an gierig blickt und darauf achtet, dass man ja das größte Stück bekommt und nicht das mittlere oder das kleinste (weil „du bist ja so klein!“).

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