„The Handmaid’s Tale“ und warum die Thematik wichtiger denn je ist

Wenn ich lese, habe ich immer einen Stift zur Hand. Manche Stellen muss man kommentieren. In „Der Report der Magd“ von Margaret Atwood finden sich häufig drei kleine Buchstaben: wtf. Wenn im Buch die Langeweile und Eintönigkeit zur Geltung kommen, sind es in der Serie die Grausamkeiten, die oft angedeutet, aber nicht direkt zur Schau gestellt werden. Und das ist gut so. Aber all jene Grausamkeiten die nüchtern gezeigt oder mit Leichtigkeit erahnt werden können, sind nichts unbekanntes. Irgendwo, irgendwann, war alles schon einmal da.

Dass Religion ein nicht unwesentlicher Teil in der ganzen Misere spielt, wundert nicht. In jeder Gesellschaft, in der eine monotheistische Religion einen hohen Stellenwert einnimmt, leidet am Ende die Frau. Sei es, dass sie ein „unfertiger Mann“ sei (Thomas von Aquin) oder lediglich dazu dient, Kinder zu werfen wie Haus und Herd zu hüten (generelle Annahme).

Aktuell wird es in Nordamerika und manchen Ländern Europas, Frauen immer schwieriger gemacht an Verhütungsmittel zu gelangen oder Abtreibungen vornehmen zu lassen – oder sich gar darüber öffentlich zu informieren. Manche Länder verbieten Abtreibung komplett, außer das Leben der Mutter ist in Gefahr. Immer und immer wieder findet man „Glanzstücke“ solch konservativer Ausbrüche. Und manche Irren sind tatsächlich der Meinung, ein Kind, dass aus der Vergewaltigung durch den eigenen Vater entstand, ebenfalls Gottes Geschenk ist. Ich verstünde Abtreibungsgegner/Recht auf Leben-Verfechter, wenn es ihnen tatsächlich um das Leben des Kindes ginge, und sie sich um bessere Bedingungen in Waisenhäusern, ein sinnvolles Adoptionsrecht (schnelleres Verfahren, auch für Homosexuelle) und kostenlose Verhütungsmittel, Frauengesundheit und vor allem aber für Aufklärungsarbeit einsetzen würden. Was aber nicht der Fall ist, denn alsbald das Kind auf der Welt ist, interessiert sich niemand mehr dafür. Dies lässt zu Recht annehmen, dass es den meisten Institutionen nicht um das Leben an sich, sondern um die Fremdbestimmung des weiblichen Körpers geht.

June: „They should have never given us uniforms if they didn’t want us to be an army.“

So auch in The Handmaid’s Tale. Fruchtbare Frauen werden einmal im Monat im Beisein der sterilen Frauen, mit ihrem Kopf in deren Schoß liegend, von den (ebenfalls oftmals sterilen) Männern vergewaltigt. Zuvor aber wird aus der Bibel gelesen, die diesen Akt rechtfertigen soll. Alsbald das Kind da ist, werden sie zu einem anderen Ehepaar gebracht. Um ihnen jegliche Identität zu nehmen, bekommen sie immer einen neuen Namen. „Offred“, „Ofdaniels“, „Ofsteven“ und so weiter, was soviel bedeutet wie „of Fred“ – „die Fred zugehörige“. Es wird ihnen verboten zu lesen und der einzige Weg nach draußen ist der tägliche Einkauf zu zweit. Fast unmöglich ist es, private Gespräche zu führen oder das „davor“ zu thematisieren, denn jeder könnte ein „Auge“, ein Spion, sein.

Margaret Atwood meinte zwar, dass wenn jemand die Zukunft so detailliert vorhersehen könnte, sie sicherlich niemals so eintreffen werde, aber es reicht schon, wenn man nicht hinhört. Zuerst werden die Kreditkarten gesperrt, folgend verlieren Frauen ihre Jobs und auch jene Frauen, die an der Schaffung des neuen Systems beteiligt waren, werden ihren Pflichten entledigt. Wenn folgend der Umstand der Kinderlosigkeit beziehungsweise der Kindersterblichkeit mit einspielt könnte dieses Szenario durchaus Realität werden.

Die Thematik ist heute wichtiger denn je.

Gerade mit Einbruch konservativer Kräfte in Europa, Nordamerika und seit den 1970ern auch in arabischen Ländern, sollte man die Augen offen halten und für seine Rechte kämpfen. Wenn Rechte von Frauen beschnitten werden oder Ableger von Instituten wie Planned Parenthood aufgrund Förderungsentzug geschlossen werden müssen, sollte man aufmerksam werden. Wenn sich auch nur eine politische Partei damit rühmt, dass die Frau das Herzstück der Familie ist und der Zugang zu Betreuungsstellen für Kinder erschwert wird, gilt es wachsam zu sein. Ein jeder, ganz gleich ob es sie oder ihn direkt betrifft, sollte sich dafür einsetzen, dass all diese makaberen Gedankenspiele solche bleiben.

Wir sind noch lange nicht in einer Idealgesellschaft angekommen, in der Frauen den Männern gleichgestellt sind. Bis in die 1970er durfte in Deutschland der Ehemann seiner Frau den Job kündigen, wenn diese sich nicht angemessen um den Haushalt kümmerte. Wenn politische Parteien Themen wie Verbote für Vollverschleierung ansprechen, sich aber gleichzeitig einen Dreck um Alleinerzieherinnen scheren, sollte das ebenfalls zu denken geben.

Es gilt aufmerksam zu sein, denn in einem politisch konservativen Worst Case, würde man Frauen nicht nur das Selbstbestimmungsrecht (über ihren Körper, Bildungsweg, Tätigkeit) nehmen, sondern auch nur jenen Förderungen zu Teil werden lassen, die sich der neuen Gesellschaft anpassen. The Handmaid’s Tale zeigt neben einer dystopischen Perspektive in wenigen Szenen, was passieren kann, wenn wir nicht aufpassen.

Fazit: Ein muss!

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5 Kommentare

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5 Antworten zu “„The Handmaid’s Tale“ und warum die Thematik wichtiger denn je ist

  1. Mit Fehlern noch 3 Folgen – bin gespannt, wie der ganze Spaß aufgelöst wird

  2. Danke für den tollen Artikel! Ich würde alles unterstreichen … Und The Handmaid’s Tale ist einfach nur Pflicht – vor allem in der heutigen Zeit. Mir wird übel, wenn ich die Nachrichten aus USA schaue.

    • Danke :) Und ja, es ist grässlich was drüben abgeht :( Ich würde Handmaid’s Tale und 13 Reasons Why ins Schulprogramm aufnehmen wie zu unserer Zeit Herr der Fliegen. Es ist wirklich wichtig.

      • Ich finde es eher schockierend, dass es Schulen gibt, die genau solche Bücher aus dem Lehrplan nehmen! Weil z. B. Sexualität oder Homosexualität thematisiert wird oder weil jemand vergewaltigt wird … Das könnte die armen Kinder traumatisieren. Oder auch: Wir wollen nicht, dass sich unsere Kinder mit solchen Themen beschäftigen. Nein, das habe ich mir nicht ausgedacht, das habe ich wirklich auf einer Website über „verbotene“ Bücher gelesen!

      • Und ich glaube es dir sofort, leider, es ist einfach sehr krank was da abgeht :(

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