„GLOW“, Season 1

Als man mich vor drei oder vier Monaten fragte, ob ich bereits GLOW gesehen hätte, verneinte ich. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass eine Serie über Frauenwrestling mit grellen Kostümen (denn das zeigte das Vorschaubild) tatsächlich sehenswert sein könnte. Was war ich naiv und dumm und einfältig und ignorant.

Wer also immer noch zögert und sich nicht sicher ist, den kann ich beruhigen: Diese fünf Stunden sind gut investiert. Um sich für GLOW zu begeistern, muss man kein Interesse für Wrestling aufbringen, denn die Hauptakteure tuns genau so wenig. Und genau so wenig steht Wrestling im Zentrum der Serie, sondern bietet lediglich einen, wenn auch etwas ungewöhnlichen Rahmen für zwischenmenschliche Beziehungen, Satire, Kritik und Amüsement.

Worum geht es?

Im Mittelpunkt steht mit Ruth eine erfolglose Schauspielerin, die immer dann einem Produzenten vorgeschlagen wird, wenn dieser nach einer starken, unabhängigen Frau sucht, nur um ihm bewusst zu machen, dass er das eigentlich nicht will. Schon die ersten Dialoge sind bissig, aber nicht aufdringlich.

Ruth landet schlussendlich bei einem Casting für eine Frauenwrestling-TV Aufzeichnung. Der Regisseur mit Schnauzer mag sie nicht und möchte eigentlich nur seine Postapokalyptischen Trash-Horrorfilme drehen (Willkommen im letzten Jahrzehnt der ordentlichen B-Movies!). Als Ruths beste Freundin Debbie, die den anderen Darstellerinnen bereits aus dem TV bekannt ist, wütend auftaucht die kurze Affäre ihres Mannes mit Ruth flog auf) und sie sich im Ring ein Gefecht abliefern, ist er Feuer und Flamme für die blonde Heroine und sieht bereits Good versus Evil, Blond vs. Brünette im Ring. USA vs. Soviet Union. Kapitalismus vs. Kommunismus! Freiheit vs. Zwangsarbeit!

Kritik und Spoiler

Die Serie spielt im Jahre 1985 – was in diesem Falle aber dank Mode und vor allem der Sportbekleidung wegen für einen zusätzlichen Fun- und WTF-Faktor sorgt. Und nicht nur dass, auch die politische Weltlage lässt sich hervorragend integrieren, ohne jedoch die Story selbst unter deren Schatten zu begraben. Sie lässt sich nutzen, um Rassismus anzusprechen und andererseits die wahnwitzigen Mittel zur Effekthascherei im Showbiz zu verdeutlichen, ohne aber dabei auf Humor zu verzichten.

Die Macher, die u.a. für Orange is the new Black tätig sind, dokumentieren in gewohnter Manier neben realistischen Frauenkörpern, die unangenehmeren oder die sonst in den Medien tabuisierten Nebenaspekte des Frauendaseins, ohne aber besonders Gewicht darauf zu legen, sie ins Lächerliche zu ziehen oder den Anlass für einen derben Witz zu nutzen. Sie sind da. Es wird darüber geredet. That’s it. Wie im realen Leben.

Im Wrestling-Team angekommen, werden die jeweiligen Typen als extrem inszenierte Stereotype verkauft – was in der aktuellen Filmwelt nach wie vor Norm ist und die Frage bzw. den Disput zwischen Sichtbarkeit via Typecasting und stereotyper Darstellung aufwirft und nicht eindeutig beantwortet werden kann.

So wird die indisch-amerikanische Medizinstudentin zu „Beirut“, eine Terroristin und bekommt (unglücklicherweise, denn zeitgleich spielt sich das Geiseldrama von Beirut ab) den entsprechenden Blacklash. Eine gewichtige Afroamerikanerin wird zur „Welfare-Queen“ (Fun Fact: Kia Stevens ist tatsächlich Wrestlerin („Amazing Kong“)) und dient damit zur Personifikation der Rassenhetze zur Reagan-Ära. Die britische Rhonda wird „Britannica“, die klügste Frau der Welt und Vietnamesin Jenny wird zu „Fortune Cookie“. Zwar greift man sich immer wieder über die Dreistigkeit an den Kopf, erkennt aber auch die Kritik und Satire dahinter, die sich immer wieder ergänzen und muss, zugegeben, im Nachhinein lächeln.

Ein Plus gibt es auch für Frauensolidarität. Als Rhonda bemerkt, dass eine der jüngeren in den Regisseur verliebt ist (kennt sie doch all seine Filme und ist interessiert mit ihm zu sprechen) und er Rhonda frägt, was er denn nun tun solle, sagt sie: Sei nett. Gib ihr Aufmerksamkeit. Ebenso wird die zerbrochene Freundschaft zwischen Ruth und Debbie thematisiert, die sich zwar sehr wohl „anbitchen“, aber im entscheidenden Moment miteinander arbeiten. Auch dem „Kampf um den Mann“ interessiert niemanden, denn nachdem die Affäre beendet ist, zieht sich Ruth zurück; niemand streitet sich um den Regisseur oder den Produzenten und auch der Vater von Carmen, der selbst Wrestler ist, steht seiner Tochter gegen Ende doch unterstützend zur Seite.

„It’s a show about finding your voice and not letting yourself be put in a box, and it’s worth noting that GLOW, which isn’t quite a comedy and isn’t exactly a drama, has unconventional episodic running times of between 29 and 35 minutes. Trim to conform to traditional comedy running time and characters suffer.“ (hollywoodreporter.com)

Fazit: Definitiv Sehenswert!

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