Zwei Bände von Ferrantes neapolitanischer Saga sind ausreichend

Ich schreibe diesen Beitrag aus eventuell gegebenen Anlass: Madame (8) möchte den dritten Band der Neapolitanischen-Saga (wieder) gemeinsam lesen. Wir lasen den ersten, und hassten ihn. Wir lasen den zweiten, und hassten ihn noch viel mehr. Auch wenn der Schreibstil flüssig und der Rahmen, in welchem die Geschichte eingefasst ist, nämlich dem kleinen Armenviertel im Neapel der 1950er und 60er, Interesse erregt, besonders wie unvorstellbar (für uns heute) das Leben der Frauen wohl gewesen sein mag, muss ich meine liebste Freundin ernsthaft fragen: Are you out of your mind?

Die letzten 70 Seiten des zweiten Bandes lasen wir uns zu Ende des Sommers 2017 gegenseitig am Telefon vor. In einer Sitzung. Jede abwechselnd ein Kapitel. Ich saß auf meiner Bank am Hang und sie auf ihrem Balkon.

Ich schreibe selten bis nie Rezensionen zu Büchern, denn entweder gefallen sie mir und es gibt nichts dazu zu sagen, oder sie sind langweilig und ich lege sie weg. Aber diese beiden Bände ließen mich so oft an den Kopf greifen und die Geschichte immer wieder verfluchen, dass ich, wenn mir Madame (8) vorschlägt, den dritten Band zu lesen, ich wieder gequält aufstöhne.

Die Saga wird von Kritikern, Bloggern, Journalisten und literarisch Interessierten in den Himmel gelobt. Alle lieben diese vier Bände. Und sicherlich, sie regen zur Diskussion an. Auch bei uns. Und offenbar zeigt die Geschichte Wirkung, wenn Madame (8) nun auch den dritten Band, welcher der beste sein soll, lesen möchte. Und sicherlich, machte ich mir die Mühe zu recherchieren, fände ich sicher den einen oder anderen Satz, dem ich anerkennend zustimmen und das Werk vielleicht mit anderen Augen betrachten würde.

Trotzdem. Mein erstes Gefühl beim Lesen war: But why?

But why?

Elena Ferrante, die unter Pseudonym mit ihrem Werk gut verdient, berichtet von zwei Freundinnen: Lenu und Lila. Lenu erzählt in Ich-Form die Geschichte ihrer Freund- und Feindschaft und immer wieder hatte ich den Eindruck, Lenu hasst Lila und umgekehrt. Schlimmer noch, das Leben von Lenu gestaltet sich zunehmend spannender, sie studiert in Paris, lernt interessante Leute kennen, aber immer steht Lila im Vordergrund. Ihrer Geschichte widmet sie drei Seiten, die restlichen Kapitel drehen sich um Lila. Lila, die Hübsche. Lila, die Kluge. Lila, die Besondere, die so viel besser ist als ich. Lila, die Tolle! Und immer wieder vergeht sich Lenu in Selbstmitleid, wechselt zu Arroganz und wieder zurück zum Selbstmitleid. Und dann taucht Nino auf. Nino, der (Spoiler) ein Kind mit Lila zeugt, die ihrerseits bereits verheiratet war und Nino, der eigentlich Lenus große Liebe ist. Lila, so voller Talent und Phantasie und Motivation, dass sie schlussendlich unter schlechtesten Bedingungen in einer Fleischfabrik arbeitet, während die mäßige Lenu, die sich immer von Lila inspirieren ließ, erfolgreiche Autorin wird. Eine spanische Telenovela hätte es nicht besser scripten können.

Ja, der erste Band heißt „Meine geniale Freundin“ und in diesem wirkt Lila tatsächlich genial. Sie stellt sich den Burschen mit einem Messer in den Weg, wird einerseits gehasst, andererseits geliebt, lernt Latein und kann Lenu, die (dank der Initiative ihrer Lehrerin) weiterhin zur Schule gehen darf, unterstützen. Und irgendwann erfahren wir: Sie glaubte, sie sei weniger Wert und müsse das gleiche lernen, damit sie immer auf gleichem Level seien. Das wäre insoweit in Ordnung, sprächen sich die beiden mal tatsächlich richtig aus. Was aber nie passiert. Es wird gemutmaßt und gedacht, angenommen und gegrämt. Ich glaube mich aber an eine oder zwei Aussprachen erinnern, die aber so sinnlos waren, als dass es danach gleich wie davor weiter gegangen ist. Kurz darauf folgte ein Kapitel, in dem sich die beiden zerstreiten und bis aufs übelste zerfetzen und immer wenn man glaubt, Lenu hat es endlich überrissen, taucht Nino auf. Nino, der Tolle. Nino, ihre große Liebe. Argh.

Davon abgesehen, das Leben im Armenviertel von Neapel war wirklich nicht angenehm: Die Eltern verprügeln ihre Kinder, Männer verprügeln ihre Frauen, die Reichen die Armen, die Armen die Reichen, Väter vergehen sich an den Freundinnen ihrer Töchter und so weiter.

Liebste Madame (8), willst du uns wirklich erneut diesem „Aber.. warum?“ aussetzen? Dem Selbstmitleid und der Arroganz Lenus? Dem armen Leben von Lila? Auch wenn Band drei der beste sein soll, wir werden ihn genau so hassen, wie wir Band eins und zwei gehasst haben. Aber wenn du wirklich möchtest, dann lese ich ihn mit dir und gebe 25€ für ein, sicherlich kein schlechtes Buch aus, aber dessen Protagonisten mich zu Tode nerven und ich jeden Einzeln gern so richtig durchschütteln möchte und ihnen ins Gesicht schreien: „Meine Güte! Benehmt euch nicht so selten dämlich!“ Ich könnte vermutlich 5 gute SF-Bücher stattdessen erwerben, gebraucht.

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Eingeordnet unter Kritik und Rezension, Kulturelles, Medien

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