Twitter’esk und ohne #, No.04

Ich schrieb im letzten Twitter-Beitrag: Wenn ihr euch wirklich unbeobachtet fühlen wollt: twittert.

Solltet ihr nur ein 200-Follower Account sein, interessiert sich niemand für eure Meinung, außer vielleicht die anderen 100-200-Follower Accounts (die sich gegenseitig folgen), für die sich aber auch wieder niemand interessiert und schlussendlich alles im großen, weiten Pool genannt „Uninteressant, Irrelevant und Unwichtig“ landet. Zusammengefasst unter UIU. Vor UIU-Accounts gilt es sich zu hüten, will man bei neuen, potentiellen Followern (die, die 1k überschritten haben) nicht als UIU-Account gelten. Ja, ich hab mir das eben ausgedacht, toll nicht?

Und sicherlich, jeder hat mal klein angefangen – vor zehn Jahren, als alle klein angefangen haben. Heute schaffen es nur mehr die in die Liga der Top 4000k-Accounts, die tatsächlich was drauf haben und zwar richtig – und von den richtigen Leuten retweetet werden und gefollowed und so. Ihr seht, die Sache ist wahnsinnig kompliziert; und wenn man keine Freunde hat, tja dann, wirds schwierig.

Es wundert mich immer wieder selbst, warum ich twittere. Und wer mir antwortet. Und wie. Und wenn auf die guten Tweets keine Antworten kommen, dann frägt man sich: „Was mache ich falsch?“ Und dann bekommen nichtige Retweets und einfache Mitteilungen größte Aufmerksamkeit. Es ist und bleibt ein Mysterium.

Twittern ist öffentlich

Alles ist öffentlich und für andere einsehbar. Eine private Unterhaltung auf Twitter ist keine private Unterhaltung, sondern wie das Gespräch des Nachbartisches, dem man interessiert aber möglichst unauffällig zuhört. Und manchmal beginnt man auch von dem einen oder der anderen und dessen beziehungsweise deren originellen Antworten zu schwärmen. Das Phänomen des Twitter-Crushs werden wir uns im nächsten Beitrag annehmen.

Manchmal aber passiert es doch, dass ein Fav entkommt, was dann die Gabel ist, die auf den Schuh des Nachbarn fällt. Dessen Tweet man beim scrollen aus Versehen geliked hat. Man klaubt sie dann nichtssagend auf und isst weiter. Oder es war ein „Hey, guter Einwurf!“ welchen man mit vollen Mund dem anderen Tisch zu wirft.

Besonders peinlich, wenn es sich um schon fast geheime Gespräche mit 3000 Antworten unter „Tweets und Antworten“ handelt, die man versucht, höchst unauffällig nach zu lesen, immer von der Angst begleitet (und Neugierde) ja nirgends drauf zu kommen. Im Idealfall bemerkt der- oder diejenige das gar nicht, weil sowieso zu viel passiert. Aber diese 5 Sekunden Adrenalinschub und einem Puls von 180 sind nicht zu verachten.

Möchte man aber tatsächlich ein Fav zum Ausdruck der Anerkennung und Gefallens bringen, wird es schwieriger. Entweder man klingt sich in das Gespräch ein, oder faved alle möglichen Aussagen des Gesprächs durch. Bestenfalls folgen sich die User alle gegenseitig und es sind ja eh schon Bekannte, die halt am Nachbartisch sitzen und plaudern und manchmal wirft man einen Gesprächsfetzen dazu. Dann kann es natürlich aber auch passieren, dass das Gespräch verstirbt, denn bei manchen Threads möchte man doch lieber unter sich bleiben. Deswegen gilt es zu überlegen, lausche ich weiter geheim oder trage ich etwas dazu bei?

Twitter ist, was das betrifft einzigartig. Zwar gibt es bei Facebook ebenfalls öffentliche Beiträge und Kommentare, die für jedermann einsehbar – und kommentierbar sind, wenn auch die privat-gefühlte Komponente fehlt, schon alleine durch die Übersichtlichkeit und Reihungen. Denn wer schon mal versucht hat, aus 250 000 Tweets eine spezielle Antwort wieder zu finden, der weiß, dass man zwar gesehen wird, aber in der Masse untergeht – zumal, sollte man nicht berühmt, berüchtigt, kontrovers, interessant, provokativ oder kreativ sein – schlicht und einfach nicht beachtet wird.

Nichts desto trotz ist es öffentlich.

Die DMs

An dieser Stelle möchte ich ein fettes „Warning“ und „Danger!“ sowie ein „Do not enter!“ Schild vor die Augen des Lesers halten.

Diese Direct Messages alias Privat Nachrichten sind gefährlich. Sind sie zwar privat und zugehörig zu jeder öffentlichen Plattform, können sie aber schnell zu privat sein, sprich, zu real. Twitter ist ein surreales und abstruses Phänomen. Es gibt zwar kurze Profile, aber bei vielen Usern ist nicht erkenntlich, wer oder was sie sind. Anders als bei Facebook, wo es zwar auch möglich ist, Fake-Accounts sich zu beschaffen, aber damit wohl eher selten Freunde, Verwandte, Schulkameraden und dergleichen hinzufügt, um in Kontakt zu bleiben. Facebook ist realer. Twitter bleibt in der sphärischen Dialektik des Textes (welcher in heutigen Zeiten im Internet sowieso als seltsam geahndet wird).

Personen beziehungsweise Accounts, die häufig miteinander auf Twitter verkehren, und in dieser abstrusen und surrealen Welt gerne Ansichten und Favs teilen, möchten dies nicht unbedingt an die Schwelle zur Realität tragen. Private Nachrichten, so wissen wir, sind oft ernster, realer und eben privater, als irgendwelche übertriebenen und histrionischen Tweets. Sie kratzen an der Schale zum Real Life. Sie haben den Fuß bereits im Türrahmen. Denn wie weit ist ein „Ach, gib mir doch deinen Facebook-Account!“ oder gar ein „Treffen wir uns mal?“ entfernt? Eben, nicht weit. Und das will der gemeine Twitter-User nicht.

Und das, liebe Freunde, denen euch Twitter ein gar seltsames Phänomen erscheint, interessiert die Twitter-User oftmals nicht, oder es bereitet ihnen Angst. Who knows. Vielleicht täusche ich mich aber auch nur und Twitter ist eine weitere Dating-Plattform für Leute, die des Lesens mächtig sind. Who knows? Ich mutmaße hier nur rum.

Man darf sich in Erinnerung behalten: DMs könnten das empfindliche Twitter-Paradoxon, öffentlich aber doch ungesehen sein können, in Mitleidenschaft ziehen. Und so sollte man sich gut überlegen, in welche DMs man „sliden“ möchte und welche man besser in Ruhe lässt.

2 Kommentare

Eingeordnet unter Just about Life, Kulturelles, Medien

2 Antworten zu “Twitter’esk und ohne #, No.04

  1. Das fasst das Phänomen Twitter doch schon ganz gut zusammen. Auch der DM-Aspekt ist ein guter Punkt. Tatsächlich war ich hier größtenteils mit Leuten in Kontakt, die ich auch mal real getroffen habe. Aber die kannte ich schon zuvor vom Bloggen. Insofern vielleicht nur eine Randerscheinung… ;)

    • Ich versuche mein bestes. Angefangen hat die Reihe ja aus Spaß und Satire, aber es sind bisher schon wahre Punkte dabei glaube ich. Die Leute, die ich von Twitter RL kenne, kannte ich davor schon.

      Ja, die DMs sind gefährlich :D

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