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Twitter’esk und ohne #, No.05

Sprach ich im letzten Beitrag davon, wovor man sich besonders hüten sollte, und zwar in die DMs gewisser Accounts zu „sliden“, ist das oftmals die einzige Möglichkeit mit gewissen Accounts oder Personen in näheren Kontakt zu treten, genauer gesagt: dem Twitter-Crush.

Das Phänomen ist nicht neu und existiert, seit es Brieffreundschaften gibt. Dieses dezente Interesse an dieser gänzlich fremden Person, die man lediglich als Autor/in origineller Buchstaben-Kombinationen kennt. Man weiß weder deren tatsächliches Alter (lässt sich aber durchaus erraten) noch deren Geschlecht (nicht immer ganz offensichtlich, wird aber auch irgendwann klar). Man hat keinen blassen Schimmer wie diese aussehen, da meist auch der Klarname verborgen ist und ordentliche Recherche somit vereitelt wird. Und trotzdem entlockt die Antwort, der Fav oder gar die private Nachricht etwas Freude, wenn nicht sogar eine Veränderung des Pulses oder Schweißausbrüche oder alles zusammen. Und wenn er/sie dann 12 Antworten gefaved hat, kann man bereits die Hochzeitsglocken aus der Ferne vernehmen. Oh mein Gott, hast du eben „wir“ gesagt? Ich finde Kopernikus für einen Buben einen hervorragenden Namen! Nein? Nun gut, Cäsar tut es auch.

Üblicherweise beginnen Menschen sich erst im privaten, ungesehenen Gespräch besser zu verstehen, bei einer E-Mail, einem privaten Chat oder eben einem Brief. Bei Twitter beginnt das ganze nicht in den DMs (wenn, dann endet es dort), sondern bei öffentlichen Tweets – und Antworten auf Tweets:

Ein User entspricht durch besonders interessante, originelle, provokative und intellektuelle Tweets gewisser Idealvorstellungen, oder Vorstellungen, von denen man gar keine Ahnung hatte, dass man sie mag – und macht somit auf sich aufmerksam. Unfreiwillig. Man beginnt zu folgen, zu antworten, tritt öffentlich in Kontakt und da es die Öffentlichkeit ist, ist es gleich; man kann sich spielend unterhalten. Ich rate nicht zum Flirt. Das ist creepy. Ich finds creepy.

Ein Twitter-Crush ist harmlos. Man zielt nicht darauf ab, die Person jemals im realen Leben zu treffen – außer natürlich es beruht auf Gegenseitigkeit und die Schwelle zur Realität wurde in den DMs schon weitgehend überschritten – und selbst dann zögert man, weil es ist immer noch Twitter. Aber keine Sorge, generell ist ein Twitter-Crush in den meisten Fällen harmlos und keine Gefahr für reale Liebschaften. Man schwärmt eben a bissl von XY, wie man von Schauspieler XY begeistert ist. Das geht vorbei. Und wenn nicht: Go for it! You got nothing to lose.

Die DMs

Gut, nehmen wir an, du, lieber Leser hast einen Twittercrush und hast dich tatsächlich dazu entschlossen, dich in die DMs zu sliden. Erstens: Gratulation zur Courage; zweitens: Warum hast du das getan? Bist du komplett wahnsinnig? Als ich sagte „Go for it“ meinte ich… genau das. Okay, du hast recht. Warum ewig aus der Ferne leiden, wenn das Objekt der Begierde doch so nah ist. Nun denn, dann machs aber richtig.

Zuvor aber noch; es gibt eine Möglichkeit sich in die DMs zu sliden, ohne aufdringlich zu wirken: Wenn etwas in einer bereits weit zurückreichenden Konversation (aka Thread) zu privat ist/wird, als dass es öffentlich gesagt werden kann, kann man in diesem Fall und zwar nur in diesem Fall, einen Tweet mit Inhalt „DM“ schreiben – und somit das Gespräch hinter verschlossene Türen führen. Wobei es sich dabei nicht zwangsläufig um einen Crush handeln muss. Das kann auch so sein. Und dann sieht man ja was passiert.

Aber jemanden anzuschreiben mit: „Hey, finde deinen Twitterstil cool ;-) Bist volle süß!“ Geht. Gar. Nicht. Absolut. Nicht. Never. Ever. Wirklich. Lass das. Wirklich.

Bitte lies das

Nun gut, es ist passiert. Dazu einige Anmerkungen (die eigentlich generell auf eine Chat-Konversation anzuwenden sind):

1. Verwende unter gar keinen Umständen diesen Smiley: ;-)

Auch :-) Ist creepy. Wirklich. Lass es mit den Smileys. Wirklich. Lerne, ohne Smileys zu kommunizieren.

Er wirkt creepy. Ist so. In ganz, ganz wenigen Fällen hat er seine Berechtigung, aber in den meisten Fällen ist er creepy. Wenn man sich bereits kennt, sicherlich, oder wenn eine Situation danach verlangt, aber „Hallo wie gehts ;-)“ ist creepy. Vergleichbar mit dem lästigen, creepy Typen, der dich an der Bar anspricht, dir einen Drink zahlen und dafür deine ungeteilte Aufmerksamkeit möchte – den gesamten Abend lang und trotzig wird, wenn du dich abwendest. Das männliche Ego ist so fragil, es erstaunt mich immer wieder.

Also nein, nochmal für Dudes, hier scheint mir der Aufklärungsbedarf notwendiger: Sei nicht der creepy Dude, der Frauen an der Bar belästigt, die eh schon zu verstehen geben, dass sie nicht an dir interessiert sind. Respektiere Frauen! Respektiere das Nein. Wenn sie deinen Drink nimmt ist das trotzdem keine Einladung für ein Gespräch. Erwarte kein Gespräch! Nein, auch keine Dick-Pics, niemand will deinen Schwanz sehen. Wirklich, niemand. Und schickte mir jemand ein Dick-Pic, mache ich dessen Mutter ausfindig und leite ihr die Nachricht weiter. Ohne Rücksicht auf Verluste. Wirklich, das gehört sich nicht. Welcher Typ bitte denkt, dass ein Dick-Pic in welcher Situation auch immer gerechtfertigt und eine gute Idee ist? Wie kam dieses Denken zustande? Ich verstehe es nicht.

2. Versuche nicht, deine Schwärmerei auf die Realität zu übertragen.

Die DMs sind das endgültige Ziel, dass du erreichen kannst. Du kannst dich dort unterhalten, aber die Chance, dass es zu einem realen Treffen kommt, sollte in deiner Erwartungshaltung bei Null liegen. Denn einerseits wirst du fix enttäuscht werden (und es muss nicht einmal das Aussehen sein, da gibt es genug anderes) und wer möchte diesen leichten, unbeschwerten Crush schon mit der Härte und Schwere der Realität bürden? Eben, niemand. Und andererseits gehst du dieser von dir auserwählte Person mächtig auf den Geist damit – was das ganze wieder zerstört. Also im besten Falle lässt du es mit den DMs. Erfreue dich an Tweets, Favs und Antworten.

3. Flirte um Himmels Willen nicht.

Wirklich nicht. Lass es. Es nervt. Wenn eine Chance besteht, dass dein Crush vielleicht doch noch ein Interesse an dir entwickelt, dann dadurch, dass du nicht flirtest. Behandle das Gegenüber mit Respekt. Du kannst dann flirten, wenn du weißt, dass das Gegenüber genau so interessiert ist, aber dann bitte nicht mit der Keule, sondern subtiler. Wobei, eigentlich hab ich keine Ahnung. Mach wie du denkst.

4. Erwarte nicht, dass dein Twitter-Crush dir seine oder ihre Liebe offenbart, weil ihr euch ja so gut versteht. Das wird nicht passieren. Erneut: Es ist Twitter und nicht Tinder. Du darfst die sphärische Dialektik des Textes nicht durch sowas beeinträchtigen! Herrschaftszeiten! Führ dich auf!

5. Schreibe respektvoll.

Ich kann es gar nicht oft genug betonen. Sei höflich und nett, mach keine sexuellen Anspielungen und mach um Himmels Willen kein Tam Tam wenn er/sie sich mal nicht meldet. Ja hast du immer Lust und Zeit zu antworten? Nein. Und will das die Person auf Twitter? Eben.

Wie gesagt, in den meisten Fällen ist dieses Schwärmen einseitig; dein Twittercrush wird dein Interesse zwar bemerkt haben, und sich vielleicht etwas geehrt fühlen oder auch genervt sein und sich abwenden. So oder so, sieh es als das an, was es ist: Die Liebelei in einer angenehmen Sommernacht, die endet, sobald der Morgen graut.

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