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Trash-TV im Abendprogramm

Oder auch, noch abfälliger genannt: „Hartz-IV TV“. TV für die „arbeitslosen Penner“, die nichts besseres zu tun haben und sich gerne besser fühlen möchten, indem man andere Hartz-IV Empfänger noch schlechter darstellt und Profit aus deren Nachteil und Unwissen schlägt. Je dümmer die Person wirkt, desto toller fühlt man sich. Und wer würde, wenn er nur wenig vom Staat bekäme, was nicht einmal zum Leben reicht, eine Gage von geschätzt 200€ ausschlagen und dabei noch etwas Fame abgreifen, denn spätestens seit #VeraFake wissen wir, is ja alles nit echt. Is ja alles gestellt. Und ja, Reality-TV ist gestellt, gescriptet und geplant. Würde eine X Millionen-Euro Firma das Schicksal ihrer Einspielergebnisse und Finanzen tatsächlich in die Hände und willkürlicher Entscheidungen irgendwelcher gewöhnlichen real life Menschen mit Aufmerksamkeitsdefizit legen? Come on..

Anyway, solche Sendungen (auch Sozial-Porn genannt) würde ich nicht mal als „Trash-TV“ bezeichnen, sondern als einer der fragwürdigsten Formate überhaupt. Da wird beispielsweise ein introvertierter Bub gezeigt, dessen Vater nicht genug Geld bekommt und er nur einmal Urlaub machen möchte; und sie landen auf einem Campingplatz in Hamburg, unterhalb der Autobahn. Grillen ist nicht erlaubt. Der Bub wird, nach eigenen Aussagen, in der Schule gemobbt. Ja was glauben die Leute denn, passiert nach dieser Sendung? Sein Highlight ist das Modelleisenbahn-Museum, der Bub freut sich. Ja bitte, ich hoffe RTL oder Pro 7 oder wer auch immer, zahlt dieser Familie einen ordentlichen Urlaub in Italien am Meer oder Griechenland.

Anyway

Aber eigentlich wollte ich darauf gar nicht hinaus; denn es gibt, zu eben genanntem Genre, auch noch ganz andere Ideen und Einfälle, die es ins Free-TV geschafft haben. Und ja, ich habe sie für euch getestet! In Ordnung, ich bin beim vorbei zappen kurz hängen geblieben und meine Neugier war stärker als mein Verstand. Und dass es diese Formate gibt, wissen wir ja, aber es war durchaus spannend, dem ein wenig beizuwohnen.

And I would do anything for … money

Zum Beispiel gibt es da ein Format, bei denen die Teilnehmer „alles“ für Geld machen. Es wird eine Tätigkeit auf den Bildschirm projiziert, wie „Schneid dir die Haare ab“ oder „Zieh dein T-Shirt aus“, und die Leute können entweder mit „Ja“ stimmen oder auch „Nein“, bei „Nein“ sind sie draussen, bei „Ja“ gehts in die nächste Runde. Oder so. Die Tätigkeiten, die die Teilnehmer tun müssen, steigern sich natürlich: Zuerst ging es nur darum, sich einen Pony (Stirnfransen) schneiden zu lassen. Dann ging es darum, die Haare zu essen (bzw. „runter zu würgen“) und schlussendlich, für ca. 4000€(?) muss man sich einen Penis mit Eiern auf den Hinterkopf tätowieren lassen. Und ja, die Leute machen das. Und ja, das ist die Sendung.

Ich bin immer wieder faszinierend, was alles produziert wird und wofür Geld ausgegeben wird. Und wo die Leute mitmachen. Und wer sich das ansieht.

Aber da wird der Mann bewertet! Das ist Sexistisch!
(„Müssen wir die Diskussion, warum es hier nicht sexistisch ist, wirklich nochmal führen?“)

Bei einem anderen Format wird jeweils ein Mann von 30 (oder so) Frauen aufgrund seines Aussehens, was er sagt oder auch nur wie er geht, sich kleidet, später ins einem Vorstellungsvideo und zu Letzt dem „hidden talent“ hinaus gevotet. Oder auch gedated.

Die Dame die übrig bleibt, die den Herren also noch nicht hinaus gewählt hat, darf auf ein Date mit ihm gehen. Wir lernen auch, dass ein Mann, der richtig gut Klavierspielen kann, bei (fast) allen Frauen durchfällt. Eine Dame wollte danach ihr voting zurück nehmen, aber das geht nicht. Tja, Pech gehabt. Während des votings läuft ein deutsch-lustiger* kleiner Mann herum und befrägt die Damen (von denen manche sicherlich bekifft, und wenn nicht das, dann zumindest beschwipst sind) nach ihrer Entscheidung. Dass natürlich Crazy Jacky und Jammer Jule häufiger befragt werden als die unscheinbare Gänseblümchen Marie im altrosa Blumenkleid, ist natürlich voraus zu sehen. Übrigens ist Crazy Jacky auch in anderen des Senders eigenen Produktionen zu sehen. Jemand, der Reality-TV kennt, wird auch die Teilnehmerinnen kennen.

*deutsch-lustig: Ein Sprichwort sagt: Deutschen Humor erkennt man daran, dass es ihn nicht gibt. Und leider trifft dies auf viele der deutschen Comedians und Talkshow-Hansel zu. Ja, meine lieben deutschen Follower, ich weiß, die Wahrheit tut weh. Aber ich weiß auch, dass die wenigsten diesen Humor lustig finden.

Die nackte Wahrheit

Und dann gibt es noch eine Sendung, in der eine Dame oder ein Paar, ca. 6 Männer und Frauen (vielleicht waren es auch nur 5 oder sogar 7) anhand ihrer Füße, ihres Geschlechts, ihres Oberkörpers und schlussendlich ihres Gesichtes nach rauswählen darf. Und ja, in exakt dieser Reihenfolge. Dass die Kamera erstaunlich lange über dem Gemächt des Mannes (oder dem Intimbereich der Dame) hängen bleibt bedient die Faszination anderer Körper. Natürlich ziehen sich jene, die bewertet haben, gegen Ende auch aus.

Zusammenfassung

Run boy run, this world is not meant for you, run boy run.

Also nein, Trash-TV ist nichts für mich. Da sehe ich mir lieber die Kanada-Doku auf arte an.

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Twitter’esk und ohne #, No.03

Ein weiteres Merkmal von Twitter scheint das Thema „Free-Tv“ zu sein. Viele Twitter-User finden sich wöchentlich zusammen, um quasi gemeinsam eine Sendung im Free-Tv anzusehen. Dabei interagieren sie oft nur via Likes und Retweets, selten aber, dass sich eine Diskussion über das Gesehene in den Kommentaren ergibt – wie auch, immerhin läuft die Sendung derweil weiter, und es gelingt höchstens, dass man am zweiten Bildschirm etwas twittert. Es bleibt keine Zeit, sich auch noch darüber zu unterhalten. Sind Tweets die Selfies von Twitter?

Sie schauen 3Sat, ORF und arte; manchmal auch Pro 7 oder finden sich zu einer bestimmten Sendung zusammen. Darin besteht für manche übrigens auch der Reiz von Free-Tv-Sendungen. So meinte jemand: „Ich würde so doofe Serien niemals streamen (sprich: aktiv abrufen), sie müssen mich verführen, indem sie einfach gesendet werden – das ist der Reiz des klassischen Fernsehens.“ Es ist übrigens fast unmöglich, auf Twitter etwas wieder zu finden, wenn man nicht bereit ist, mindestens 15 Minuten seiner Zeit mit scrollen zu verbringen..

Ein interessanter Ansatz also: Verführung via Passivität. In einer Zeit des Überangebotes mit Streaming-Diensten, die allzeit bereit und immer verfügbar sind (solange im Angebot, aber für den Moment scheinen sie, als sei es für immer), ist es offenbar tatsächlich der Reiz des Vergänglichen (die Sendung wird zu einer bestimmten Zeit auf einem bestimmten Sender ausgestrahlt), wenn nicht auch gewisse Erinnerungen an die bittersüße Vergangenheit – an eine Zeit, in der man noch nicht so viele Entscheidungen selbst treffen musste. Lethargie vor Autonomie?

Zurück zum eigentlichen: Twitter und Free-Tv. Ich stelle mir dann abwechselnd zwei Szenen vor:

Einerseits Menschen, die daheim auf ihrer Couch sitzen, das Telefon in der Hand haben und über das gesehene twittern. Mit dem Telefon! Wie solle er denn die Tweet-Frequenz aufrecht erhalten, wenn er am Telefon tippte – meinte einst jemand auf meine Frage. Nein, diesen Tweet finde ich nicht mehr.. es würde mich wohl Stunden kosten, so lange ist das her.

Meist ist es, in meiner Vorstellung eine tolle Wohnung, geschmackvoll eingerichtet, eine angenehme Couch steht neben der Heizung und ich stelle mir vor, man finde sich dort ein (Free-Tv ’n Chill) und die Person sagt: „Wart kurz, ich muss das schnell twittern.“ Es drängt sich die Frage in den Raum, was diese Person noch alles twittern würde – folgend würde ich das Profil stalken und vielleicht ebenfalls anfangen zu twittern. Und dann säßen wir beide da, das Telefon in der Hand habend und über das gesehene und gelesene twittern, sich gegenseitig antworten, und nichts mehr von dem mitbekommen, was im Free-Tv läuft. Twitter ’n Chill?

Und andererseits stelle ich mir alle Twitter-User, die über ein bestimmtes Tv-Thema twittern, in einem großen Raum vor, auf einer Couch sitzend, die ab und an auf den Bildschirm schauen und derweil ihre Eindrücke ins Telefon tippen. Viele Gesichter, die abwechselnd vom Schein des Telefons oder des Fernsehers bestrahlt werden. Manchmal weicht die Vorstellung ab und sie sprechen auch miteinander, aber nicht viel. Es sind dann ganz unterschiedliche Personen, die ganz anders aussehen, als wie man sie sich vorstellt. Aber generell twittern sie.

Und ich wundere mich immer: Wie zum Teufel machen die das? Schon wenn ich Notizen bei Serien mache, muss ich aufpassen, dass ich nichts verpasse. Und bei Twitter muss der Spruch sitzen, die Rechtschreibung (sollte) korrekt (sein) und das ganze sehr schnell passieren. Binnen in Sekunden, sonst geht der Witz verloren. Und dann ist da der Zuschauer, der binnen dieser Sekunde seinen Browser aktualisieren muss, um den Witz zu sehen und zu verstehen, und überhaupt! Wie machen das die Leute? Und andererseits, warum? Wobei, letzteres lässt sich einfach beantworten: Twitter ist eine Social-Media Plattform, eine weitere Möglichkeit der Selbstdarstellung und wer zu hässlich oder eitel für Selfies auf Instagram ist, der twittert. Oder so.

Das letzte mal als ich einer Free-Tv Sendung beiwohnte, war es The Bachelorette mit Madame (8) und es war einmal. Und es war schrecklich. Und ich tweetete darüber. Und niemanden hats interessiert. Niemanden! Viel spannender als die Sendung an sich, fand ich die Werbeeinschaltungen. Wer denkt sich sowas aus? Und wie viel verdienen die Leute dabei? Und warum sind sie so dumm? Und warum hat die Werbestrategie oft nichts mit dem Produkt zu tun? Haben die alle kein Marketing studiert? Sogar ich weiß mehr als mancher dieser Werbefutzi scheint mir.

Doch, einen Retweet gab es. Von einem Account, der wahllos Tweets retweetet. Meine lieben Leser, wenn ihr euch wirklich unbeachtet fühlen wollt.. twittert.

Kurz um und zusammenfassend: Free-Tv ist ein wesentlicher Bestandteil von Twitter. Und es macht Sinn: Müsste man sich zum streamen verabreden, was via Tweets sehr mühsam ist (denn ein „slide“ in die „Dms“ (direct messages) wäre quasi die Second Base und so weit will man ja wirklich nicht gehen..), käme man nicht voran. Einfacher (und verlockender) ist es, sich gemeinsam und doch unabhängig eine Free-Tv Sendung anzusehen und wenn man Glück hat, sich sogar danach noch darüber unterhalten – bis vier Uhr morgens. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass der Thread irgendwann stirbt, oder, noch wahrscheinlicher, dass man gänzlich unbeobachtet bleibt..

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