Schlagwort-Archive: Gwendoline Christie

Brienne of Tarth: Ausnahmeerscheinung, Heldin, Vorbild

Neben Daenerys, Cersei oder Arya, die einen überwiegenden Anteil in Artikeln, Essays oder Kritiken beherrschen, gibt es einen Charakter, der oft vernachlässigt und weniger beachtet wird: Brienne of Tarth. Ein Beitrag zur Ehre einer Kriegerin.

„We can’t defend the North if only half the population is fighting.“
– Lady Lyanna Mormont, „Dragonstone“

Immer wieder gab und gibt es vereinzelt historische Berichte über kriegerische Frauen. Homer widmete den Amazonen in Vorderasien ein paar Sätze, während die nordischen Schildmaiden häufiger in der Literatur zu finden sind, etwa in der Hervarar-Saga und in der Gesta Danorum, der Geschichte Dänemarks.

Dass überwiegend Männer in den Krieg zogen, galt lange Zeit als allgemein akzeptiertes Faktum. Dass es nur Männer waren, ist allerdings nachweislich falsch. Vor einiger Zeit veröffentlichten Forscher der Universität Stockholm im American Journal of Physical Anthropology, dass es sich bei einem reichlich bestatteten Wikinger-Krieger in Schweden von 1878 in Wahrheit um eine Kriegerin handelte.

Dank christlicher Lehre, genereller Auffassung und Geschichtsschreibung, gingen Forscher davon aus, dass es ein Mann war. Erst durch eine DNS-Analyse ließ sich dieser Irrtum bereinigen. Die Annahme legt also nahe, dass es mehr Kriegerinnen gab, als man denkt. In der Geschichte – und in der Popkultur. Und dies bringt uns zu Brienne of Tarth.

ASOIAF und Game of Thrones

Brienne wird als hässliche Frau in die Welt von Westeros eingeführt. Sie ist das einzige überlebende Kind von Selwyn Tarth, Lord of Evenfall und Tarth. Ihre Geschwister sterben im Kindesalter. Sie beschreibt sich selbst in A Feast for Crows als „the only child the gods let [my father] keep. The freakish one, one not fit to be son or daughter.“ Man begegnet ihr mit Missgunst und Hohn. Septa Roella sagte ihr einst, dass die Komplimente, die Männer ihr machen, Lügen seien. Wenn sie die Wahrheit wissen wolle, müsse sie nur morgens nur in den Spiegel schauen. Man verachtet und belächelt sie.

Ihr Vater beginnt früh, eine passende Partie für Brienne zu suchen, aber vergebens. Als sie 16 ist, trifft sie auf Humfrey Wagstaff, der einwilligt, sie zu heiraten, wenn sie sich nach der Hochzeit auch ordentlich weiblich verhält. Brienne stimmt zu, aber nur wenn er sie im Kampf besiegt. Needless to say: Sie bricht ihm drei Knochen und gewinnt das Duell. In Game of Thrones tritt sie in der zweiten Season auf, im Zweikampf gegen Ser Loras Tyrell, um sich nach ihrem Sieg in den Dienst von Renly Baratheon und der Kingsguard zu stellen.

Eine Heldenreise

Briennes Heldenreise startet mit Ablehnung und offensichtlicher Andersartigkeit. Sie erfüllt männliche Helden-Attribute wie physische Stärke, Kampfesmut und Tapferkeit und besitzt eine hochgewachsene Statur, wie die Clegane Brüder. Sie verkörpert ritterliche Ideale wie Ehre und Loyalität und weigert sich, ohne Grund zu töten. Sie ist selbstlos und beschützt die Schwächeren.

Dennoch trägt sie das Laster mancher Frauen in Westeros: Sie ist zu wenig Mann, um ein Ritter zu sein, aber auch zu wenig Frau, um in traditionelle Rollen zu schlüpfen. Sie ist weder ausreichend passiv, als dass Männer sie ihrer Weiblichkeit wegen respektieren könnten, besitzt aber auch nicht die biologische Notwendigkeit um als „Mann“ zu gelten, und ist somit für manche nicht mehr als ein Witz.

Und trotz allem ist sie naiv. Wie Sansa glaubt sie die Geschichten von Ehre, Mut und Tapferkeit. Sie verliebt sich in Renly Baratheon, der ihr nach dem Duell den ersten Tanz widmet, und auch an Jaime Lannister, mit dem sie gemeinsam in Gefangenschaft der Boltons landet, findet sie (unerwiderten) Gefallen. Ironischerweise, denn Jaime, der ein gänzlich anderes Verständnis vom ritterlichen Ideal in Westeros hat, sieht neben Ehre und Mut auch die Realität, mit der gebrochene Schwüre und moralische Konflikte einhergehen, die Brienne versucht auszublenden. Interessant, dass es gegen Ende sie ist, die Jaime dazu rät, Loyalität für „the greater good“ aufzugeben. Passend dazu ist auch, dass der Wildling Tormund, aufgewachsen in einer freien Gesellschaft, Gefallen an ihr findet und sich unsterblich in verliebt.

Mit Brienne wird ein Erzählstrang eingebracht, in dem Frauen sich offen und gegenseitig unterstützen. Sie schwört Catelyn Stark Treue und verspricht, ihre Töchter zu beschützen. Ihre Heldenreise bringt sie ferner zur „schönen Maid in Not“, aber nicht um sie zu heiraten, sondern um sie zu ihrer Mutter zurückzubringen – weil sie sich für das Wohl der anderen interessiert. Es ist eine seltene Geschichte, in der alle drei Frauen, Mutter, Tochter und Kriegerin, gleich viel Wertschätzung erfahren. Brienne verurteilt die Welt nicht wie sie ist, aber sie benutzt ihre Stärke und ihren Respekt um anderen Frauen zu helfen.

Ausnahmeerscheinungen

Bekanntlich wird die Geschichte von den Siegern geschrieben. Genauso wie übrigens auch Game of Thrones von einem Mann geschrieben und erzählt wird. Und auch wenn diese Kenntnis der Wikinger-Kriegerin nicht alles von heute auf morgen verändern wird, so werden doch verfestigte Strukturen aufgebrochen und die Möglichkeit von hochrangigen Krieger-Frauen eingeräumt, die Anerkennung wie Ansehen besaßen. Und so schickt es sich auch für die mediale Inszenierung an, kriegerische Frauen nicht mehr als Ausnahme sondern als Norm zu inszenieren.

Brienne of Tarth folgt der Tradition der kriegerischen Ausnahme-Erscheinung. In einer patriarchalen Welt lebt sie das (männliche) ritterliche Ideal, tritt in Unisex-Rüstung auf und gilt als eine der besten Kriegerinnen in ganz Westeros. Das aber macht sie nicht weniger wichtig, im Gegenteil. Solange Kriegerinnen nicht zur Norm gehören, müssen eben einzelne Heldinnen wie Jyn Erso, Jessica Jones oder auch Brienne of Tarth an dieser Kruste arbeiten um sie zu brechen.

Als eine Frau von 1,98cm stellt sie auch für jene ein Vorbild da, die sich in den gängigen Schönheitsidealen nicht repräsentiert sehen: für jene, die „zu groß gewachsen“ sind, oder jene, die von der Gesellschaft als für „zu dick“ empfunden werden. Oder einfach jene, die beim Cosplay mal in eine andere Haut schlüpfen möchten als üblich.

Quellen:

Werbeanzeigen

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter /fem-mode on, Berichte, Essays, und so, Game of Thrones, Medien, Popkultur 'n Geek-ish