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„Mary Magdalene“

Nachdem es von der Kirche keinen Aufschrei gab und weder „Häresie!“ noch „Ketzerei!“ durch die Boulevardblätter flatterte, darf und kann man getrost annehmen, dass sich der Film im Rahmen des Akzeptablen bewegt und einigermaßen gemäßigt inszeniert wurde. Kurz: Das beste Wort, dass mir einfällt um ihn zu beschreiben ist „decent“.

„Garth Davis attempts a fresh, feminist portrait of the Apostle to the Apostles, but there’s not much passion in this play.“ (variety.com)

Der Abspann lässt uns wissen, dass Papst Gregor um 591 Maria Magdalena die Rolle der Prostituierten zugeschrieben hatte, wie man sie bis heute kennt und bis vor kurzem auch gelehrt wurde. 2016 wurde dies widerrufen und ihr den Titel „Apostel der Apostel“ zugesprochen.

Rooney Mara ist hervorragend in der Rolle besetzt: Schwarze Haare, blaue, ewig wässrige Augen und eine Haut wie Elfenbein. 32 gäbe man ihr nicht, 22 gerade noch. Joaquin Phoenix ist mit seinen 43 vielleicht nicht zu alt, um Jesus zu spielen, der 10 Jahre jünger war, wirkt aber dennoch zu „alt“ und erinnert an einen verschrobenen Sektenführer.

„He’s about as charismatic as Charles Manson: more cult-leader than messiah, with dark, angry eyes and moody silences. He goes away often to sit by himself on a rock, which at least offers meagre respite for the viewer.“ (smh.com)

Außerdem fand ich es schade, dass kein israelischer oder nahöstlicher Schauspieler die Rolle des Messias übernehmen durfte. Besonders niedlich besetzt fand ich Judas (Tahar Rahim), der sich wie ein kleiner Zappelphilipp (so nannte man früher hibbelige und übermotivierte Kinder) dem Wahnsinn nahe hinein steigert, Jesus schlussendlich verrät und sich suizidiert. Aber war es ein Vergehen, wenn es genau so passieren hatte müssen? Eigentlich nicht. Aber da ich keine Ahnung von Kirchengeschichte habe, nicht religiös erzogen wurde und der Religionsunterricht in der Volksschule schon Jahre, Jahre her ist..

/fem-mode on

Eine beziehungsweise zwei Szenen blieben mir besonders in Erinnerung, die einen wieder mal daran erinnern, dass das Patriarchat ziemlich viel Irrsinn gestiftet und Schei*e angerichtet hat. Dezent, aber trotzdem zynisch, dringt die feministische Sichtweise, die der Film durchaus tragen darf und soll, durch.

Jesus spricht in einem Dorf zu Frauen, weiß aber nicht was er lehren soll. Er zieht Mary zu Rate. Eine Dame mit scharfer Zunge meldet sich: wem sollen sie denn glauben, ihren Männern und Vätern oder Gott? In ihrem Herzen natürlich Gott. Sorry, but what the..? Im Klartext: Unterwerft euer Fleisch den Herren, aber in euren Herzen dient ihr Gott. Selbstbestimmung? Nada.

Sie erzählt ihm von einer Frau, die mit einem anderen Mann als ihrem Ehemann erwischt und daraufhin von diesem und dessen Brüdern vergewaltigt und ertränkt wurde. Und Jesus sagt: Forgive them. Forgiveness in your face. Die sarkastische und durchaus zynische Frau hat alles Recht wütend zu sein. Gleichzeitig wird mit dieser kurzen Rede veranschaulicht, wie wenig Frauen Mitspracherecht besaßen. Selbst Mary wird verstoßen, als sie den fremden Männern folgt und weigert sich zuvor, verheiratet zu werden. Kein Mann werde sie mehr angreifen, sagt ihre Schwester, ihrer Familie bringe sie Schande. Obwohl wir darüber informiert sind, und wissen, dass es in vielen Ländern nach wie vor Tagesordnung ist, ist es einfach unfassbar.

Die zweite Szene spielt sich am Ende ab: Petrus, der von Anfang an an Mary gezweifelt hatte, ob sie die Gruppe nicht spalten würde, wirft ihr im Endeffekt genau dies vor. Sie, die als letzte den Toten und als erste den Wiederauferstandenen gesehen hatte, weiß, dass sich das Königreich von dem er sprach, in den Menschen selbst befindet, es sei bereits hier – aber die Apostel, allen voran Petrus, glauben, dass Königreich werde erst noch kommen. Sie verlässt die Szene mit energischen Worten, dass sie gehört werden will und sich dies nicht nehmen lassen wird. In diesem Falle, nein. Zumindest folgen ihr die getauften Frauen.

Ist es also, so die Schlussfolgerung des Filmes, die Eifersucht der Apostel, die Maria Magdalena in Vergessenheit gerieten ließ? Durchaus möglich. Ob die Jesus und Mary nun mehr als nur platonische Freunde, darüber streiten Historiker seit Jahren. Ich hoffte ja auf eine Sexszene, aber die kam nie.

„The Gospels call Jesus “Rabbi” (Matthew 26:49, Mark 10:51, John 20:16). Rabbis, then as now, are married. If Jesus wasn’t married, someone would have noticed.“ (huffingtonpost.com)

Fazit

Schwächen hatte der Film insofern in seinen Längen, als auch in seiner „Decent-ness“, denn so beige die Protagonisten gekleidet waren, so beige war dann auch die Inszenierung. Jesus litt und wir sahen die Wunden, so auch die Kreuzigung, und auch wenn Jesus den Qualen vom Wissen um den eigenen Tod ausgesetzt gewesen sein muss und dergleichen, schafft es Joaquin Phoenix nicht, dies ordentlich zu spielen. Er überdramatisiert gewaltig und erinnert an einen kurz vorm Wahnsinn stehenden Sektenführer, der beinahe manisch-depressiv versucht seine Lehre in die Welt hinaus zu tragen. Aber sicherlich, Jesus zu spielen ist nicht einfach. Viele scheiterten daran und ich weiß nicht, ob ich je eine gute Performance sah, außer in Jesus Christ Superstar und Das Leben des Brian. Always look on the bright side.. of life..

Sehr positiv, voller Hoffnung und so gar nicht leidend wurde der Charakter selbst gestaltet. Zwar bleibt Mary, wie alles andere, blass und man weiß nicht, was will sie eigentlich und warum sie Jesus folgt – aber sie versprüht Hoffnung und Optimismus. In erster Linie ist sie es, die von Jesus angesprochen und gebeten wird, seine Anweisungen auszuführen, wie Menschen segnen oder taufen. Und im Endeffekt kommt ihr eine viel größere Rolle zu, als wie man es bisher annahm.

Fazit II

„Der zugrunde liegende Befund, dass eine Frau im strikt patriarchalen System nur dann stark sein kann, wenn sie sich außerhalb des Sexuellen stellt, könnte kritisches Potenzial entfalten.“

Und: „Ob Sexualität dabei sublimiert, transzendiert oder schlicht verdrängt wird, ist eine akademische Frage, in jedem Falle ist sie praktischerweise aus den Film verschwunden. Zurück bleibt eine bereinigte Weiblichkeit, bürgerlich anschlussfähig und ökumenisch kompatibel“(tagesspiegel.de)

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