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Twitter’esk und ohne #, No.03

Ein weiteres Merkmal von Twitter scheint das Thema „Free-Tv“ zu sein. Viele Twitter-User finden sich wöchentlich zusammen, um quasi gemeinsam eine Sendung im Free-Tv anzusehen. Dabei interagieren sie oft nur via Likes und Retweets, selten aber, dass sich eine Diskussion über das Gesehene in den Kommentaren ergibt – wie auch, immerhin läuft die Sendung derweil weiter, und es gelingt höchstens, dass man am zweiten Bildschirm etwas twittert. Es bleibt keine Zeit, sich auch noch darüber zu unterhalten. Sind Tweets die Selfies von Twitter?

Sie schauen 3Sat, ORF und arte; manchmal auch Pro 7 oder finden sich zu einer bestimmten Sendung zusammen. Darin besteht für manche übrigens auch der Reiz von Free-Tv-Sendungen. So meinte jemand: „Ich würde so doofe Serien niemals streamen (sprich: aktiv abrufen), sie müssen mich verführen, indem sie einfach gesendet werden – das ist der Reiz des klassischen Fernsehens.“ Es ist übrigens fast unmöglich, auf Twitter etwas wieder zu finden, wenn man nicht bereit ist, mindestens 15 Minuten seiner Zeit mit scrollen zu verbringen..

Ein interessanter Ansatz also: Verführung via Passivität. In einer Zeit des Überangebotes mit Streaming-Diensten, die allzeit bereit und immer verfügbar sind (solange im Angebot, aber für den Moment scheinen sie, als sei es für immer), ist es offenbar tatsächlich der Reiz des Vergänglichen (die Sendung wird zu einer bestimmten Zeit auf einem bestimmten Sender ausgestrahlt), wenn nicht auch gewisse Erinnerungen an die bittersüße Vergangenheit – an eine Zeit, in der man noch nicht so viele Entscheidungen selbst treffen musste. Lethargie vor Autonomie?

Zurück zum eigentlichen: Twitter und Free-Tv. Ich stelle mir dann abwechselnd zwei Szenen vor:

Einerseits Menschen, die daheim auf ihrer Couch sitzen, das Telefon in der Hand haben und über das gesehene twittern. Mit dem Telefon! Wie solle er denn die Tweet-Frequenz aufrecht erhalten, wenn er am Telefon tippte – meinte einst jemand auf meine Frage. Nein, diesen Tweet finde ich nicht mehr.. es würde mich wohl Stunden kosten, so lange ist das her.

Meist ist es, in meiner Vorstellung eine tolle Wohnung, geschmackvoll eingerichtet, eine angenehme Couch steht neben der Heizung und ich stelle mir vor, man finde sich dort ein (Free-Tv ’n Chill) und die Person sagt: „Wart kurz, ich muss das schnell twittern.“ Es drängt sich die Frage in den Raum, was diese Person noch alles twittern würde – folgend würde ich das Profil stalken und vielleicht ebenfalls anfangen zu twittern. Und dann säßen wir beide da, das Telefon in der Hand habend und über das gesehene und gelesene twittern, sich gegenseitig antworten, und nichts mehr von dem mitbekommen, was im Free-Tv läuft. Twitter ’n Chill?

Und andererseits stelle ich mir alle Twitter-User, die über ein bestimmtes Tv-Thema twittern, in einem großen Raum vor, auf einer Couch sitzend, die ab und an auf den Bildschirm schauen und derweil ihre Eindrücke ins Telefon tippen. Viele Gesichter, die abwechselnd vom Schein des Telefons oder des Fernsehers bestrahlt werden. Manchmal weicht die Vorstellung ab und sie sprechen auch miteinander, aber nicht viel. Es sind dann ganz unterschiedliche Personen, die ganz anders aussehen, als wie man sie sich vorstellt. Aber generell twittern sie.

Und ich wundere mich immer: Wie zum Teufel machen die das? Schon wenn ich Notizen bei Serien mache, muss ich aufpassen, dass ich nichts verpasse. Und bei Twitter muss der Spruch sitzen, die Rechtschreibung (sollte) korrekt (sein) und das ganze sehr schnell passieren. Binnen in Sekunden, sonst geht der Witz verloren. Und dann ist da der Zuschauer, der binnen dieser Sekunde seinen Browser aktualisieren muss, um den Witz zu sehen und zu verstehen, und überhaupt! Wie machen das die Leute? Und andererseits, warum? Wobei, letzteres lässt sich einfach beantworten: Twitter ist eine Social-Media Plattform, eine weitere Möglichkeit der Selbstdarstellung und wer zu hässlich oder eitel für Selfies auf Instagram ist, der twittert. Oder so.

Das letzte mal als ich einer Free-Tv Sendung beiwohnte, war es The Bachelorette mit Madame (8) und es war einmal. Und es war schrecklich. Und ich tweetete darüber. Und niemanden hats interessiert. Niemanden! Viel spannender als die Sendung an sich, fand ich die Werbeeinschaltungen. Wer denkt sich sowas aus? Und wie viel verdienen die Leute dabei? Und warum sind sie so dumm? Und warum hat die Werbestrategie oft nichts mit dem Produkt zu tun? Haben die alle kein Marketing studiert? Sogar ich weiß mehr als mancher dieser Werbefutzi scheint mir.

Doch, einen Retweet gab es. Von einem Account, der wahllos Tweets retweetet. Meine lieben Leser, wenn ihr euch wirklich unbeachtet fühlen wollt.. twittert.

Kurz um und zusammenfassend: Free-Tv ist ein wesentlicher Bestandteil von Twitter. Und es macht Sinn: Müsste man sich zum streamen verabreden, was via Tweets sehr mühsam ist (denn ein „slide“ in die „Dms“ (direct messages) wäre quasi die Second Base und so weit will man ja wirklich nicht gehen..), käme man nicht voran. Einfacher (und verlockender) ist es, sich gemeinsam und doch unabhängig eine Free-Tv Sendung anzusehen und wenn man Glück hat, sich sogar danach noch darüber unterhalten – bis vier Uhr morgens. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass der Thread irgendwann stirbt, oder, noch wahrscheinlicher, dass man gänzlich unbeobachtet bleibt..

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