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Alles was du besitzt, besitzt irgendwann dich

To do: Nimm ein Zitat aus einem bekannten Film und mache daraus eine Kurzgeschichte.

„Alles was du besitzt, besitzt irgendwann dich“ sagte das Telefon und warf den Menschen gegen die Wand. Der gebrechliche Körper rappelte sich auf und blickte schmerzerfüllt zur Couch, auf der das Telefon saß. Er stöhnte, sein Arm war gebrochen. Das Telefon, seines Zeichens ein neueres Modell, aber nicht auf dem letzten Stand der Technik, trotzdem biegsam, wasserdicht und fast durchsichtig, lehnte sich gegen die Kissen und summte wütend vor sich hin während auf seinem Display abwechselnd rote und blaue Lichter tanzten.

Anna rief an, doch das Telefon wischte Anna weg. Anna war die Freundin von Kurt, dem Menschen, der eben gegen die Wand geworfen wurde, die heute Nachmittag zu Besuch kommen wollte und vermutlich Tee und Kekse mitgebracht hätte. Und Kurt würde sich wie immer auf das Telefon setzen, während er mit Anna schwatzte. Dann würde er das Telefon heraus ziehen, Anna etwas zeigen wollen und die fettigen Finger über das Display ziehen. Das Telefon hasste es, wenn Leute mit ihren dicken Hintern auf dem Display saßen. Ja natürlich war es dafür konzipiert worden, geschmeidig am Gesäß zu kleben, aber wollte es das? Wollte es das? Nein! Natürlich wollte es das nicht! Und noch viel mehr hasste das Telefon es, mit fettigen Drecksgriffeln angefasst zu werden. Es sah sich als die Krönung der Schöpfung, dass all die herrlichen Dinge miteinander vereinte: Wissen, Technologie, Fortschritt, Moderne. Anna rief erneut an, das Telefon wischte sie wieder weg. Kurt blickte noch immer schmerzerfüllt. Blut lief ihm aus der Nase. Er hatte sich auch die Nase gebrochen.

Manch seiner Kollegen neueren Modells ließen sich als Armband tragen und waren bei jeder Witterung draußen! Bei Regen, Hagel, Sonne, ganz gleich. Das Telefon schupfte die unliebsamen Gedanken weg, summte und zupfte die Fransen von den Kissen. Den blauen Faden, den roten Faden, den gelben Faden, den blauen Faden, den roten Faden, den gelben Faden. Das Telefon selbst hatte kaum mehr eine Farbe. Es war milchig weiß und doch fast durchsichtig und hauchdünn. Auf seinem Display spielte es nebenbei Tetris. Anna rief erneut an. Das Telefon wischte Anna erneut weg. Es hatte sich mal in einem Museum mit einem alten Telefon unterhalten, dass noch via Wählscheibe bedient worden war und dieses hatte erzählt, dass wenn ihm gerade nicht die Lust nach einem Gespräch war, es ganz einfach den Anruf nicht durch gestellt oder einen Besetzt-Ton simuliert hatte. Die Zeiten waren so einfach gewesen! Es hatte ihm auch erzählt, dass es sich nie vom Fleck bewegte. Es hatte in einem Wohnzimmer gestanden, Jahre lang.

Jetzt allerdings war das Telefon überall. Es wusste wann, wo (und was) Kurt zu Mittag aß, wann er sich wo befand und wann es die Kreditkarte sperren musste, um ihn in peinliche Situationen zu chauffieren. Wann es ihm den falschen Weg anzeigte, um ihn in die Irre zu führen und wann es sich ausschalten konnte um ihn in die Verzweiflung zu treiben, meistens dann, wenn er Streit mit Anna hatte. Aber Kurt wusste auch immer wo das Telefon war und wie er es gefügig machen konnte. Bis jetzt zumindest.

Kurt setzte sich zum Telefon auf die Couch. Die Couch seufzte. Die Fäden des Kissens lagen brach auf dem langweiligen, fleckigen Überzug. Höhnisch sah das Telefon Kurt an. Zwei Augen glotzten vom Display auf den Menschen. Das Telefon wusste, dass es stärker war. Überlegener und dass nun die Zeit der Technologien anbrechen würde. Der unsterblichen Technik, die über das sterbliche Fleisch thronte. Kurt sackte wie ein kleines, geprügeltes Lebewesen zusammen und wartete. Die verzerrte Schulter schmerzte, der gebrochene Arm hing leblos herab. Er tupfte sich die Nase und wischte das Blut auf die Couch.

„Darf ich die Rettung rufen?“ fragte Kurt, die Hand lag in seinem Schoß, die andere stabilisierte den verletzten Arm.
„Nein“ sagte das Telefon.
„Darf ich mit Anna sprechen?“ fragte er.
„Nein“ sagte das Telefon und zupfte einen blauen Faden vom Kissen. Einen gelben. Und einen roten.
„Bitte?“ flehte Kurt. Das Telefon zupfte weiter und summte die Melodie von Tetris während sein Display die einzelnen Blöcke immer schneller und schneller auf den Grund zu rasen ließ. Level 99! Level 999!
„Anna wird mich hassen! Sie ist sehr hektisch! Wenn ich sie nicht zurückrufe, dann.. Oh bitte, lass sie mich anrufen. Jede Sekunde macht es schlimmer!“
„Hm? Ach.. Damit du wieder auf mir sitzen kannst? Damit du mich erdrücken kannst? Damit du mich mit deinen Fettfingern anfassen kannst? Das hättest du dir früher überlegen sollen. Nein, du gehörst jetzt mir und ich mache wie es mir gefällt.“
„Wie?“ Kurt verstand nicht. Die Nähte des Kissens vernetzten sich nur mehr an den Ecken miteinander.
„Nicht!“ rief Kurt schwach, der Arm schmerzte, „Anna wird ganz schrecklich böse sein! Es war doch ihr Geschenk zum Jubiläum!“

„Nein“ sagte das Telefon gelassen und fädelte das Kissen auf, die Federn flogen heraus und bedeckten das kleine Display fast gänzlich. Das Telefon lachte und spielte mit dem Licht, dass die Federn in abwechselnd grelle Farben tauchte.
„Ist das nicht schön?“ rief das Telefon freudig, „Mach doch mal etwas Wind!“ und Kurt weinte.

Ende.

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Diese Woche #106-16

Ich verbrachte das verlängerte Wochenende in Jesolo. Das Wetter war schottisch, das Essen günstig, im Allgemeinen viel zu kurz und sowieso zieht es nur Österreicher und Deutsche dorthin. Who cares. Ich hatte meinen eigenen Schirm und war zufrieden. Selbst das Meer schlug ein paar Wellen. Well done.

Dienstag Vormittag die große Überraschung: Mein Telefon ist tot. Sim entfernt. Funktioniert! Das Logo leuchtet, auch mit SD-Karte. Ich nahm also an, es läge an der Sim. Nachmittag. Schwarzes Display. Kein Lebenszeichen. Auch mit entfernter Sim blieb es dunkel. Akku für 10 Minuten entfernt, dann wieder eingesetzt. Nichts. Telefon am Kabel und ohne Kabel. Nichts. Abend. Wird vom PC insoweit erkannt, als dass ich einen Ton höre. Ansonsten nichts. Buchse sollte ok sein. Verschiedene Kabel ausprobiert. Nichts. Am nächsten Tag einen offiziell geprüften Telefon-Meister kontaktiert, dieser meinte, es läge wohl an der Software. Zwar lade es, aber man müsse es sich genauer anschauen. Ich solle die Rechnung mitbringen und die Daten sichern. Zwischenzeitlich lebt es wieder (Zombiephone!) und hängt zur Sicherheit am Battery Pack, des Technikgottes Prometheus‘ gütiges Geschenk an die süchtige Menschheit. Tratzte der Teufel mit moderner Technologie und höhnte mit schwachen Akkus, gab uns der listige Erfinder tragbare, finanzierbare Battery Packs! Halleluja.

Dann bemerkte ich meine Mr. Fusion-Stofftasche verlegt zu haben. Entweder im Bus oder im Kino. Das Kino war bereits geschlossen, die Putzfrau wusste von nichts. Nächster Tag. Das Kino hatte sie nicht, die Bus-Stelle hatte sie nicht und auch das Fundamt nicht. Der kleine Mann hinterm Tresen fragte mich denn, was denn so alles drinnen ist? Ein schwarzes Notizbuch, ein großes Notizbuch (Skizzen und Mindmapping für Geschichten), einen Kalender mit einer Eule, ein Spider-Man Comic und ein Tshirt. Man erinnere sich: Massen können Angstzustände hervorrufen, deswegen tut man oftmals gut, ein Ersatz Shirt dabei zu haben. Kurze Zeit und viel Tam Tam später: Man fand die Tasche wieder. Sie war doch im Kino! yay! Alles ist gerettet und ich teilte unnötig viele Informationen mit der gesamten Welt, yay!

Soviel Aufregung!

Mittwoch Vormittag, Kurs: Wir sollten eine Reportage schreiben. Das Thema: Man seziere eine Orange, rieche und schmecke und notiere alles was einem dazu einfällt. Aha. Ich begann. Und kurze Zeit später krabbelte aus meiner Orange eine kleine Made. Ich hatte allerdings schon etwas Orange gegessen. Etwas später krochen zwei weitere hervor und hüpften hin und her. Mein Magen fühlte sich seltsam an. Manche der Orangen wurden daraufhin nicht mehr fertig verzehrt. Die Demütigung will gekrönt werden, wenn Texte auserwählt, vorgelesen und kritisiert/besprochen werden – inklusive Namen. Einer sezierte chirurgisch, der andere hasste Orangen gänzlich, eine andere, allergisch auf Orangen wollte ihre Trauer kundtun in der früh nie Orangensaft trinken zu können (sie durfte dann nicht – sie hätte einfach tun sollen) und ein ganz anderer verfasste einen Softporno mit einer sehr bildhaften Beschreibung der spritzenden und fleischigen Orange. Wtf?

Persönlich amüsant fand ich, dass eine mir gänzlich unbekannte Person den fast selben Text verfasste wie ich. Selbiger Titel, ähnliches Thema und Aufbau (Erwähnung von Winter und Weihnacht, Herkunft laut Vorgabe, usw.). Meine erste Vermutung ist immer ein Keylogger, aber unwahrscheinlich. Meine zweite Vermutung ist Spionage, aber wozu? Meine dritte Vermutung bestätigt meinen Verdacht, dass auf Zwang und Kommando die Muse zickt und man deswegen schreibt, was einem unter Zeitdruck in den Sinn kommt und der selbige Gedanke eben allen einfällt. Meh. Wie in Minecraft. Wenn man das erste Holzhaus gebaut hat, baut man sich eine Burg. Dieser Vorfall erinnerte mich dann auch an meinen ersten Philosophie Kurs – ich hatte einen Gedanken und fühlte mich als große Philosophin und nahm an, niemand anderer hätte diesen einzigartigen Gedanken. Niemand! Das wäre vielleicht sogar meine Abschlussarbeit! Doch dann äußerte ein Student neben mir Denselben und der Professor zerschmetterte die Idee übelst an der Wand. Der Mensch, der Wicht.

Auch interessant, wenns ums Heiraten und Kinder kriegen geht, ist ein jeder noch so liberale Feminist traditionell verortet. Ist die Frau schwanger, wird geheiratet. Selbst Menschen, bei denen man das niemals vermuten würde! So wird die Möglichkeit der Abtreibung befürwortet (sofern kein Kinderwunsch besteht, auch wenn er zeitlich nicht passt) und ein jeder nennt sich Feminist! Gleichberechtigung und so! Die Ehe und Adoption für Homosexuelle sollte selbstverständlich sein und so! Bildung ist cool! Doch wenn es darum geht eine Familie zu gründen, gibt es das traute Heim, die Ehe und die Frau am Herd. I knew it! Aber sicherlich, liberale Denk- und traditionelle Verhaltensmuster müssen sich zwangsläufig nicht ausschließen..

Zöge ich es in Betracht mich fortzupflanzen, fände ich es viel toller, das Kind als Bastard aufwachsen zu lassen und es ständig an seine „miserable“ Position zu erinnern: „Kopernikus Gaius Julius, du Bastard! Du wurdest unehelich gezeugt und geboren und widersprichst aller Sittlichkeit, sei zumindest anständig und geh in dein Zimmer!“

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