„Black Mirror“, S03E01

Achtung, es folgt ein (etwas polemisches) Kommentar zum Medienwahnsinn, Social Media und ein paar Sätze zur eigentlichen Folge.

Sollte sich Black Mirror nicht mit (nahen) dystopischen Zukunftsvisionen beschäftigen? Sicherlich, wir bewerten heute (noch) nicht alle Menschen mit fünf Sternen aufgrund ihrer (kalklulierten) Freundlichkeit, aus Freundlichkeit um wiederum dank deren Freundlichkeit mit fünf Sternen bewertet zu werden, allerdings sind wir dieser Version doch schon gefährlich nahe – auch wenn die Berichte über Arbeitgeber, die ihre Bewerber im Interwebs und auf Social Media auspionieren an Brisanz verloren haben, nachdem klar wurde, dass Sauforgien nun mal ganz normal und deren digitale Abzüge davon, Alltag geworden sind. Nichts besonderes also mehr. Noch werden Hasspostings und rassistische Äußerungen etwas kritisch beäugt, dies dürfte sich aber vermutlich in den nächsten Jahren auch noch legen. Trotzdem spioniert der Arbeitgeber und zieht gegebenenfalls seine Schlüsse daraus. Und Facebook entwickelte sich ja aus der Idee heraus, potentielle Beziehungspartner auszuspionieren. Insofern..

Und nehmen wir Instagram: Man präsentiert (s)ein tolles Leben, man propagiert vielleicht einen gesunden Lebensstil, postet regelmäßig und siehe da, die Mühe beschert gute 200o oder gar 4000 Follower. Und das gefällt. Dass all diese Follower selbst wieder 3000 anderen Menschen folgen, um verfolgt zu werden, das kümmert nicht. Ein Follower ist ein Follower, ein Like ein Like. Likes sprechen für Popularität und damit lässt sich Geld machen. Also warum nicht?

Auf FB spielt es sich ähnlich ab: Man bekommt Likes für tolle Sachen und Kommentare für diverse Beiträge. Wir wissen auch, dass Kommentare und das Teilen von Beiträgen, je nach dem, mehr wiegen als wie Likes. Das mag zwar ausschlaggebend sein für den intelligenten Algorithmus dahinter, der uns immer mehr auf eine kleine Nische an Beiträgen beschränkt, aber das kümmert uns ja nicht.

Wir sehen die Likes. Man heiratet. Alle liken. Man schließt sein Studium ab. Sie liken. Wir fahren in den Urlaub. Manche liken. Wir wurden verlassen. Irgendwer reagiert mit dem traurigen Smiley, ein anderer kommentiert: „Wtf? Warum postest du sowas?“ Das Fratzenbuch weiß also nicht nur, wann uns etwas gefällt, sondern was wir wann traurig oder toll finden. Facebook und Google wissen alles über uns! Aber egal. Wir posten Fotos, Statusupdates und kommentieren, nicht ausschließlich, aber oftmals nur um geliked zu werden. Je mehr likes, desto toller findet wer unseren Gedankengang oder das was wir tun, desto toller fühlen wir uns selbst. Andere entscheiden somit über unser Wohlbefinden. Und das tolle ist? Ein jeder kommt zum Zug: Der, der nach Aufmerksamkeit giert, der Troll und vor allem der Hassposter – dieser fühlt sich in seiner kleinen Welt bestätigt, und hetzt weiter. Ein jeder profitiert: Die Nutzer, die Anbieter, die Wirtschaft, die Politik, der Kapitalismus. Eigentlich ein tolles System, nicht?

Und es betrifft nicht nur uns, sondern zeigt bereits Auswirkungen auf die gesamte Medienlandschaft: Nicht, dass was „wahr“ ist, wird verbreitet – auch Falschmeldungen, wenn auch nur zur Aufklärung geteilt werden, werden gewichtet und somit weiter geleitet und nach vorne verlagert. Und wer beschließt dann, was wahr und was falsch ist? Wo beginnt Objektivität und wo Zensur? Der Kampf gegen Falschmeldungen läuft jedoch bereits.

Und nicht dass, was wahr ist, wird verbreitet, sondern oftmals dass, was am meisten Likes hat. 10 000 Menschen können nicht irren, oder? Eigentlich ist es erschreckend. Und dies erinnert mich an jene Folge „The Entire History of You“ (S01E03): Denn diese Folge zeigt so deutlich und so erschreckend authentisch und zugleich ironisch auf, was passiert, werfe man solch eine spezielle Technologie in die Bevölkerung. Zur Erinnerung: Alles was getan wird, wird aufgezeichnet. Bei Argumenten sicherlich von Vorteil, aber wir sahen wie es enden kann und(!) würde.

Sicherlich, in „Nosedive“ wird das Bild komplett überzeichnet und die Farben sind ausschließlich in Pastell gehalten. Nettigkeit wird propagiert und man ist freundlich, schließlich hängen der soziale Status, die Wohnsituation und dergleichen davon ab. Der, der über 4,5 von 5 Sternen ist, darf in der hypertollen Residenz wohnen, während Leute mit 1,4 gar nicht erst angeschaut werden. Unsere Protagonistin sinkt von einer 4,2 auf eine 0. Das Ende ist ein freundliches. Eingeblendet werden diese Daten übrigens via Linse. Google Glas lässt grüßen. Sonst ist alles beim alten, Newsfeed, Postings und so weiter und so fort.

Aber um nochmal an vorher anzuknüpfen. Gesteht liebe Blogger und liebe Leser: Es fühlt sich nett an, wenn jemand eure Beiträge liked oder euch sogar abonniert. Ich freue mich über jeden einzelnen Like. Wirklich. Sicherlich, was ist der Unterschied zu einem Lächeln im Bus? Oder einem Kompliment von nahen Bekannten? Wir befinden uns in einer Art Gemeinschaft, und immerhin hängt nicht ein gewisser sozialer Status von den anderen ab oder gar eine Wohnsituation oder was auch immer. Zumindest nicht in der Form, wie „Nosedive“ es uns durchspielt, und dass andere einen ganz schnell mal nach unten bringen können. Oder aber, wir befinden uns in den „falschen“ Kreisen und dümpeln alle bei 2-3 herum, denn die 4er und 5er gäben sich erst gar nicht mit uns ab. Wer weiß?

Was ich damit sagen will: Diese Realität ist nicht so weit weg, wie manche der bisher vorgestellten Alternativen in Black Mirror. Wir sind gesellschaftlich nicht abhängig von Likes und können uns diesem System noch freiwillig entziehen. Wir entscheiden uns jeden Tag dafür, ob wir beim Surren des Telefons sofort nachschauen ob und wer uns geherzelt hat, sei es der eigenen Aufmerksamkeit wegen oder aus ehrlichem Gefallen. Mein Telefon ist auf lautlos, keine Vibration. Ich stelle es mir mühsam vor, wenn plötzlich aus dem Nichts irgendwas aufblinkt.

Fazit: Die Folge mag zwar nicht eine der Besten gewesen sein, aber zumindest wird der Dialog, die Diskussion um Social Media, um den Einfluss und Konsequenzen wieder einmal mehr ins Licht gerückt. Und wir sollten diesen Diskurs noch viel viel öfter führen.

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